Verhaltene Resonanz

Das sagen Experten und Analysten zur Apple Watch

12.03.2015 von Jürgen Hill
Reagierte die ITK-Branche in der Vergangenheit auf neue Apple-Ankündigungen eher euphorisch – hier sei nur an Apple Pay erinnert –, so ist die Resonanz auf die Apple Watch eher verhalten. Um nicht zu sagen: Man ist enttäuscht.

Max Hille, Analyst bei Crisp-Research: "iRefuse"

Tim Cook hatte zum alljährlichen Frühjahrstreffen der Apple-Community eingeladen. Wie gewohnt war das Programm gespickt von bereits lange diskutierten und bekannten Ankündigungen wie auch von einigen Überraschungen. So wurden Funktionen für die neue Gesundheitskampagne von Apple sowie die Software CarPlay vorgestellt. Darüber hinaus gab es als Überraschungselement eine neue Serie von MacBooks. Der eigentliche Star des Abends sorgte aber eher für ein müdes Lächeln als für feuchte Augen: die Apple Watch.

Im Video: 30 Sekunden über: Was taugt die Apple Watch?

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Die Apple Watch beantwortet Fragen, die keiner so wirklich gestellt hat. Dies gab es bei Apple schon häufiger und wurde am Ende erfolgreicher als man es sich jemals hätte ausmalen können. Der Unterschied bei der Apple Watch ist allerdings, dass sie in einen Markt eintritt, der ohnehin schon für tot erklärt werden muss. Smartwatches sind zu Recht als teures Spielzeug verrufen, die nur wenige sinnvolle Neuerungen in den Alltag bringen.

Apples Design-Ikone kann in einer Preisspanne von 400 bis 18.000 Euro erworben werden. Dass der Wert dieser Uhr im Laufe der Zeit steigt, ist mit der alternden Technik im Herzen eher unwahrscheinlich. Stolze Nutzer der Apple Watch können mit ihrer nahezu maßstabsgetreuen Kopie ihres iPhones am Handgelenk den Puls messen, telefonieren, Nachrichten versenden, Erinnerungen empfangen und in sozialen Netzwerken aktiv sein. Viel mehr aber auch nicht.

Hinsichtlich des USP trifft Tim Cook selbst den Nagel auf den Kopf: "Wäre es nicht toll, das iPhone in der Tasche zu lassen, wenn es klingelt?" Die Apple Watch ist schlichtweg ein neues Gerät mit altbekannten Funktionen. Im Gegensatz zu den großen Erfolgen von Apple (iPod, iPhone, iPad, Mac) ist sie allerdings nur ein verlängerter Arm und kein eigenständiges Device. Sucht man nach einem wirklich produktiven, neuartigen Nutzen, steht man in einer Sackgasse. Besonders für das Enterprise-Business lassen sich wenige spezifische Use Cases finden.

Da eine Smartwatch am Handgelenk ohnehin nicht das produktive Potenzial von beispielsweise Smart Glasses oder VR-Brillen besitzt, lebt sie vor allem durch die unterstützten Anwendungen. Ob Unternehmen auf den Smartwatch-Zug aufspringen ist unbekannt und wird maßgeblich an der Marktdurchdringung liegen. Taxi-Konkurrent Uber ist einer der ersten Unternehmen, die über die Smartwatch eine Kundenschnittstelle aufbauen wollen. Es ist aber nicht zu erwarten, dass diesem Vorbild massenhaft gefolgt wird.

Schlussendlich hätte man bei einem derart hohen Preispunkt erwarten können, dass mit der Apple Watch gänzliche neue Arten der Kommunikation, Steuerung oder des Verhaltens aufkommen. Bislang ist davon noch nichts zu sehen. Die Apple Watch ist - wie ihre Konkurrenten auch - ein teures Spielzeug, das fast ausschließlich über das Design Begehrlichkeiten weckt. Der rationale Nutzer mit einer hohen Preissensibilität wird allerdings mit verschränkten Armen am Verkaufsstand vorbeilaufen. Auch die Use Cases aus den Unternehmen werden erst dann kommen, wenn die Durchdringung im Markt erfolgreich ist. So bildet sich ein Teufelskreis. Die Drohung, die Apple Watch könnte der erste große Flop von Apple werden, erscheint somit nicht weit hergeholt.

Matt Johnston, CMO/CSO von Crowdtester Applause: "Der Nutzer ist König"

Matt Johnston, CMO/CSO bei Applause.
Foto: Applause

"Nach dem Apple-Event ist eines klar: Der Nutzer ist König und damit ist es für Unternehmen umso wichtiger, einen umfassenden Ansatz zur Sicherung von App-Qualität zu verfolgen. Ob es darum geht, neue Zielgruppen zu erschließen, Feedback über Apples Research Kit zu generieren oder um die vielfältigen Optionen der Personalisierung, die die Apple Watch in Zukunft ermöglicht: Es gilt, die User Experience zu verstehen und die Nutzer möglichst an jedem digitalen Berührungspunkt von Anfang an zu begeistern.

Als Unternehmen, das bereits hunderte von Wearable- und Internet of Things-Apps getestet hat, freuen wir uns über die heutigen Ankündigungen. In-The-Wild Testing und unser Ansatz für eine 360° App-Qualität ist heute wichtiger denn je - über alle Gerätetypen, Systeme und Nutzungssituationen hinweg."

Weitere Stimmen

James McQuivey, Analyst für Disruptive Consumer Technologies und Apple bei Forrester Research: "Apple wird ohne Mühe 10 Millionen Uhren verkaufen"

James McQuivey, Analyst bei Forrester Research.
Foto: Forrester

"Alleine 20 Millionen Menschen in den USA haben die Absicht, sich etwas Neues von Apple zu kaufen. Und 36 Prozent geben an, dass sie Interesse haben, die Apple Watch zu erwerben. Für Apple dürfte es deshalb ein Leichtes sein, 10 Millionen Menschen in den USA und auf den internationalen Märkten zu überzeugen, sich eine Apple Watch zuzulegen. Wir belieben deshalb bei unserer ursprünglichen Einschätzung, dass es Apple sehr wahrscheinlich gelingt, bis zum Jahresende 10 Millionen Uhren abzusetzen. Zumal auch die Consumer dazu bereits sind. So geben 21 Prozent der Erwachsenen in Europa an, dass es sie nervt, ständig ihre Smartphone aus der Tasche ziehen zu müssen. Und 32 Prozent fasziniert der Gedanken, ein Wearable zu besitzen. Dabei bevorzugen 16 Prozent das Handgelenk, um ein Wearable zu tragen. Hinzu kommt, dass in vielen Fällen eine App einfach ein Overkill ist. Eine Smartwatch erlaubt es den Unternehmen, sich eine Strategie für die Micro-Momente ihrer Kunden zu entwickeln. Also für die Gelegenheit, wenn eine schnelle Information benötigt wird, bei der lediglich ein Blick auf ein Device oder ein Wearable genügt."

Das sagt die Presse zur Apple Watch
Mobile Geeks, Sascha Pallenberg
„Mal davon abgesehen dass ich jeden Kaeufer einer 600 Euro Smartwatch, die mit einer Aufladung mal so gerade ueber den Tag kommt, fuer einen durchaus behandlungsfaehigen Fall halte, so sollte man vielleicht auch hierbei bedenken, dass diese Dinger in 12 Monaten alt sind. Richtig alt!“
TechCrunch, Natasha Lomas
“Well, when it comes to the battery at least, owners of Apple Watch will be able to extend its lifespan. An Apple spokesman confirmed to TechCrunch the “battery is replaceable”. Albeit, it’s not clear how much it will cost to send in your wearable to Apple to get it returned with a new cell in place.”
Süddeutsche.de, Helmut Martin-Jung
„Um den kleinen Bildschirm gut zu nutzen, hat sich Apple viel einfallen lassen. Ein seitlicher Knopf, den man drehen und drücken kann, hilft beim Vergrößern und Verkleinern des Bildschirminhalts. Der Screen ist zudem druckempfindlich.“
The Wall Street Journal, Geoffrey A. Fowler
“How might Apple Watch change my life? From what I’ve seen, it might save me time. It is a second screen—a little wrist-worn sidekick to the iPhone. But as the iPhone increasingly demands attention, distracting me more and more throughout the day, I am hoping for a gatekeeper. The Apple Watch could be the device that lets me leave my phone in my pocket, and still not miss anything important.”
Spiegel Online, Matthias Kremp
„Die Bedienung erfordert einen Lernprozess. Wischt man von unten über den Bildschirm, kann man durch eine Reihe von Apps scrollen, die man häufig benutzt. Welche Apps hier erscheinen sollen, kann man selbst festlegen. Mit der digitalen Krone an der rechten Gehäuseseite scrollt man durch Listen, etwa jene der Songs, die man auf der Uhr gespeichert hat. Das funktioniert völlig ruckelfrei.”
CNET, Scott Stein
"But, there are plenty of big, unanswered questions: can the interface work without being confusing? Even with my smartwatch experience, there are a lot of taps, swipes, turns and twists involved in the Apple Watch. Nested apps and glanceable apps and double-clicks could confuse a lot of people. It's advanced stuff."
FAZ, Marco Dettweiler
„Es gibt zwar wenige Features, die die Konkurrenz nicht bei irgendwelchen Modellen hat. Und über das Design mag man sich noch streiten können. Über die Funktionalität und Durchdachtheit aber nicht. Die Software scheint - noch hat sie keiner getestet - wieder aus einem Guss. Das ist immer der Joker, den Apple ausspielt.”
New York Times, Brian X. Chen
“Unlike the iPhone or iPad, the Apple Watch is not a stand-alone product. It relies on an iPhone to fully operate, partly because the brains of watch apps will live on the iPhone. So users will have to install watch apps on the iPhone as well.”
Bild, Sven Stein
„Die digitale Krone ist eine schlaue Erfindung, ergänzt sie doch den Touchscreen um eine Zoom- und Blätter-Möglichkeit, ohne jedoch den Blick auf den Bildschirm zu stören.“
Macworld, Susie Ochs
“It’s striking that the Apple Watch’s best features solve a problem I didn’t have before I had an iPhone. The problem is: I look at my iPhone too much. Throwing more technology at that problem seems frivolous, but if the right balance of notifications and glances actually succeeds to sift the signal from the noise? If it can reduce the number of times I unlock my iPhone to do a simple little thing like reply to a text, only to fritter away time on three or four apps? That could change my game.”
The Verge, Nilay Patel
“What matters today is the software, what it can do, and how it works. And it turns out it's actually pretty complicated.”

Salesforce per Blog: Wearables und Enterprise gehören zusammen

Salesforce sieht in seinem Blog eine Zukunft für Smartwatches im Business-Einsatz.
Foto: Salesforce

"Unternehmen haben natürlich nicht erst mit der Apple Watch darauf gewartet, den Sprung vom Screen in der Hand aufs Display am Handgelenk zu wagen. Bereits in den letzten Monaten haben viele Firmen erste Schritte eingeleitet. In einer Umfrage haben unsere US-Kollegen bereits nachgehakt, welche Potentiale schon jetzt gesehen werden. 79 Prozent der Befragten gaben an, dass Wearables für die Zukunft ihres Unternehmens von strategischer Bedeutung sind. Dabei planen oder testen 62 Prozent bereits den Einsatz von Smartwatches. So sind 49 Prozent auch überzeugt, dass Smartwatches die größten Auswirkungen haben werden, gefolgt von Digital Badges. Auch bei der Frage, welche Geräte am schnellsten eingeführt werden, liegen die Smartwatches mit 41 Prozent vorn, gefolgt von den Smart Glasses mit 26 Prozent."

Bettina Rotermund, Unternehmensberaterin bei Iskander Business Partner: Apple erfüllt die Erwartungen nicht

Bettina Rotermund, Unternehmensberaterin bei Iskander Business Partner.
Foto: Iskander Business Partner

"Apple bleibt sich mit der Apple Watch in zwei Dingen treu: Erstens mit bestem Design (wenn auch zu einem stolzen Preis) und zweitens damit, Bestehendes zu kopieren und es mit dem Apple-Flair aufzuhübschen. Einige neue Funktionalitäten hat die Smartwatch von Apple zu bieten - allerdings keine, die den Markt - wie erhofft - beflügeln würden. So liefert der erfolgsverwöhnte Apple-Konzern auch nur eine Evolution statt einer Revolution im ohnehin wenig performanten Smartwatch-Markt. Nun bleibt abzuwarten, wie sich die Verkäufe der Apple Watch und daran gekoppelt der Gesamtmarkt der Smartwatches entwickeln werden.

Mit Sicherheit ist Apples Markensympathie und Marketingpower groß genug, um Fans auch zum Kauf dieses Geräts zu verführen, was Umsätze in Millionenhöhe garantiert. Zudem entspricht Apple mit der Apple Watch dem Wunsch nach Personalisierung und Bequemlichkeit im Umgang mit neuen Geräten - statt das Handy aus der Hosentasche zu fischen, genügt nun ein Blick auf die Uhr. Enttäuschend ist allerdings, dass die erhofften Mobile Health Applikationen überschaubar bleiben und auch hier nur Bestehendes in eine neue Form gegossen wurde."

Fazit: Apple kann die hohen Erwartungen der Branche mit der Apple Watch nicht erfüllen, liefert jedoch seiner Fan-Gemeinde ein neues nettes Spielzeug.