IT-Stellenmarkt stark gewachsen

IT-Profis dringend gebraucht!

02.07.2014 von Bettina Dobe
Firmen suchen händeringend qualifizierte ITler: Vor allem Entwickler und IT-Berater fehlen, wie der Adecco-Stellenmarktindex zeigt.

IT-Fachkräfte sind offenbar nur noch auf dem Schwarzmarkt zu haben. Diesen Eindruck bekommt jedenfalls, wer sich den Stellenmarktindex des Dienstleisters Adecco anschaut. Der macht deutlich: Der IT-Stellenmarkt ist kräftig gewachsen.

Satte zehn Prozent plus im Vergleich zum Vorjahr wies der IT-Stellenmarkt auf. "Fast jedes achte Unternehmen sucht im März nach Fachkräften in diesem Bereich", heißt es im Bericht. Am stärksten suchen Personaldienstleister nach ITlern, gefolgt von den IT-Unternehmen selbst, die immerhin 25 Prozent der Inserenten in diesem Bereich ausmachen. Auch Industrieunternehmen, Dienstleister und Handelsunternehmen haben Bedarf an diesen Experten.

Entwickler und Berater gesucht

Vor allem IT-Entwickler und Berater werden dringend gebraucht, wie ein Blick auf den Stellenmarktindex verrät. Mehr als ein Drittel der Inserate im IT-Bereich bezog sich auf Entwickler (38 Prozent). Weit dahinter folgten mit 14 Prozent die IT-Berater und mit elf Prozent die IT-Projektleiter. Administratoren machten nur knapp jedes zehnte Stellenangebot aus (neun Prozent) und Support-Mitarbeiter nur zu vier Prozent.

Die Knappheit im IT-Stellenbereich kann Axel Streich, Bereichsleiter Anwendungswentwicklung und IT-Betrieb bei Schwäbisch Hall, nur bestätigen. Auch er sucht IT-Fachkräfte, und das nicht erst seit Kurzem: "Wir haben bereits letztes Jahr Personal aufgebaut und wollen nun noch einmal 30 IT-Mitarbeiter, auch Entwickler, an Bord nehmen", erzählt er. Warum gerade diese IT-Experten? Das zumindest liegt auf der Hand: "Klassischerweise braucht man in Projekten deutlich mehr Entwickler als alle anderen Fachkräfte." Bei Schwäbisch Hall sei das genauso.

Axel Streich, Schwäbisch Hall: "Die jungen Leute, die heute von der Uni kommen, haben an jedem Finger ein Angebot. Und die Lage wird sich für die Arbeitgeber noch verschärfen."
Foto: Bausparkasse Schwäbisch Hall

Warum ist qualifiziertes Personal so knapp? In der Finanzdienstleistungsbranche ist die Begründung eindeutig, denn sie hat spezielle Bedürfnisse. Dort gebe es seit der Finanzkrise viel mehr regulatorische Anforderungen, die einen starken Ausbau der IT mit sich brächten, erzählt Streich. Der Grundbedarf an Personal sei bei den Banken an sich gestiegen. Aber auch andere Branchen - und nicht nur IT-Dienstleistungsunternehmen - suchen IT-Fachkräfte. Ein deutlicher Indikator für die Arbeitsmarktlage ist für Streich die Tatsache, dass Unternehmen wie die Deutsche Bahn oder Boss auf Messen um IT-Experten werben.

Problem Demographie

Dass andere Firmen, nicht nur Banken, händeringend nach ITlern suchen, ergibt sich für Streich aus zwei Aspekten: "Die IT wächst generell, denn die Gebiete, in denen sie eingesetzt wird, verbreitern sich zusehends." Auch in seiner Branche seien Zuwächse spürbar. Gleichzeitig schägt der Fachkräftemangel zu. "Wir merken, dass es einfach weniger Bewerber gibt", sagt Streich. Und das liegt nicht an der Attraktivität des Unternehmens. Schließlich ist Schwäbisch Hall zertifizierter Top-Arbeitgeber und hat bei Great Place to Work den vierten Platz in der ITK belegt. "Die jungen Leute, die heute von der Uni kommen, haben an jedem Finger ein Angebot", formuliert es Streich. Trotz der großen Mitarbeiterzufriedenheit müsse auch die Schwäbisch Hall am Arbeitsmarkt kämpfen. Besser wird es erst mal nicht: "Der Kampf um die Talente wird sich noch verschärfen."

Unternehmen müssen immer intensiver nach passenden Fachkräften suchen.
Foto: Kurhan - Fotolia.com

Ganz unabhängig von den Veränderungen im Finanzbereich bereitet dem Bereichsleiter auch der demographische Wandel Sorgen: "Wir wappnen uns dafür. In fünf Jahren werden wir einen hohen Bedarf an Personal haben", sagt er voraus. "Wir versuchen schon jetzt Kollegen mit an Bord zu nehmen, die es abfedern, wenn einige in den Ruhestand gehen", erklärt Streich. Noch sei die Lage nicht so dramatisch, doch es sei absehbar, dass sich das bald ändern werde.

Immerhin scheint langsam ein Bewusstsein für die Brisanz der Lage zu entstehen: "Zwei Prozent der IT-Stellenangebote waren Ausschreibungen für einen Ausbildungsplatz", heißt es im Index. Darauf setzt auch die Schwäbisch Hall: "Wir bilden auch selbst IT-Personal aus, mit Trainee-Programmen und dualer Ausbildung", meint Streich. "Wir stellen fest, dass wir für Berufseinsteiger aufgrund des Standorts tendenziell weniger attraktiv sind", sagt Streich. Erfahrenere Fachkräfte finde er eher.

Arbeitgeber
Die Traumarbeitgeber der angehenden Informatiker...
...sind IT-Firmen, Forschungsinstitutionen, Autokonzerne oder Internet-Firmen. Die Berliner Marktforscher von Trendence haben mehr als 6.100 Informatikstudenten aus ganz Deutschland befragt, wo sie gern arbeiten möchten. Hier die 30 attraktivsten Arbeitgeber 2014.
Softwarehersteller Adobe...
.., hier das Büro in Hamburg, landete ebenfalls auf dem 29. Platz.
Platz 28: Max-Planck-Gesellschaft
Forschungsinstitutionen wie die Max-Planck-Gesellschaft stehen seit jeher hoch im Kurs unter Informatikstudenten.
Platz 26: EADS
Der Konzern mit seinen Töchtern Airbus, Eurocopter, EADS Astrium und EADS Defence & Security landete vor zwei Jahren noch auf Platz 22.
Ebenfalls auf Platz 26: Das Deutsche Zentrum für Künstliche Intelligenz (DKFI)
..in Saarbrücken behauptet sich seit Jahren in den Top 30 der beliebtesten IT-Arbeitgeber. Forschungseinrichtungen ziehen insbesondere die 25 Prozent Besten eines Jahrgangs an.
Platz 25: Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)...
....sucht "große Lösungen für große gesellschaftliche Probleme der Zukunft", sagt CIO Hans-Joachim Popp. Dazu zählen neue Energiespeicher, das Weltklima oder die Verkehrsforschung und die Raumfahrt.
Platz 24: Nvidia..
..einer der größten Entwickler von Grafikprozessoren und Chipsätzen für Computer und Spielkonsolen ist erneut unter den Top 30 gelandet.
Platz 23: Lufthansa Systems..
...gehört zu den großen IT-Dienstleistern in Deutschland. Das Unternehmen will aber seine Rechenzentren verkaufen.
Platz 22: Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI)
Im Vorjahr landete das BSI noch auf Platz 17.
Platz 21: Die Deutsche Telekom...
ist einer der Hauptsponsoren des FC Bayern, für die Informatiker gehört er schon lange nicht mehr zu den zehn attraktivsten Arbeitgebern.
Platz 19: Intel
Der Prozessorhersteller hat in Deutschland seinen Hauptsitz in Feldkirchen bei München.
Platz 18: Electronic Arts
Der Hersteller von Fifa und anderen Computerspielen verbesserte sich im Vergleich zu 2013 um einen Rang.
Platz 17: Bundesnachrichtendienst (BND)
Der BND gehört schon seit Jahren zu den 20 beliebtesten Arbeitgebern für Informatikstudenten.
Platz 16: Daimler
Informatikstudenten lieben nicht nur Computerspiele, sondern auch (deutsche) Autos. Davon profitiert auch der Daimler-Konzern.
Platz 15: Bosch Gruppe
Das Unternehmen, das den weltgrößten Automobilzulieferer Robert Bosch und 300 Tochterfirmen umfasst, hat sich um einen Rang verschlechtert.
Platz 13: Porsche
VW-Tochter Porsche gehört dagegen zu den Aufsteigern im IT-Absolventenbarometer. Sie machte drei Ränge im Vergleich zu 2013 gut.
Platz 13: Amazon
Der Skandal um die Ausbeutung der Leiharbeiter beim Online-Händler hat dem Ruf von Amazon als Arbeitgeber bei den Informatikstudenten kaum geschadet. Im vergangenen Jahr landete Amazon auf Platz 9.
Platz 11: Volkswagen
...ist der dritte deutsche Autohersteller unter den Top 20 der beliebtesten Arbeitgeber.
Platz 11: Crytek
Spielehersteller Crytek war 2011 der größte Aufsteiger im Ranking der beliebtesten IT-Arbeitgeber und konnte seine Top-Platzierung halten.
Platz 10: Fraunhofer-Gesellschaft
Der IT-Nachwuchs will forschen. Darum ist die Fraunhofer Gesellschaft mit ihren zahlreichen Instituten eine feste Größe unter den Top Ten. Im Bild: Die Materialentwicklung für elektrische Energiespeicher.
Platz 7: Siemens
Deutschlands größter Konzern war noch vor 9 Jahren der beliebteste Arbeitgeber der Informatikstudenten.
Platz 7: IBM..
IBM-Deutschland-Chefin Martina Koederitz, im Bild mit Kanzlerin Angela Merkel auf der CeBIT, kann sich dieses Jahr nicht so recht freuen: IBM rutschte im dritten Jahr in Folge ab. 2011 war IBM noch auf Platz 2.
Platz 7: Blizzard Entertainment...
...hat in Deutschland gar keine Niederlassung, dennoch verbesserte sich der Spielehersteller um drei Plätze im Vergleich zu 2013.
Platz 6: Apple
Coole Produkte, cooler Arbeitgeber? Diesen Schluss ziehen anscheinend viele Informatikstudenten bei Apple. Im Bild einer der Apple-Stores in New York.
Platz 5: Audi
Die Ingolstädter werden nicht nur bei den Informatikstudenten, sondern auch bei anderen Fachrichtungen als Arbeitgeber immer beliebter.
Platz 4: Microsoft..
.. verliert nur einen Platz gegenüber 2013. Im Bild: Die Digital Eatery von Microsoft in Berlin.
Platz 3: BMW..
..ist der am höchsten platzierte Autobauer im IT-Absolventenbarometer. Im Vorjahr noch auf Platz 4. Hier im Bild der BMW i8.
Platz 2: SAP
Der Walldorfer Softwarekonzern behauptete seinen zweiten Platz. Der Abstand zum Sieger wird allerdings größer. Während zehn Prozent der Befragten gerne bei SAP arbeiten möchten,...
..wollen 26,3 Prozent zu Google.
Damit rangiert der Internet-Konzern im siebten Jahr in Folge auf Platz 1.
Google-Gründer Sergej Brin...
...kann sich freuen. Die Auswahl an Bewerbern ist riesengroß, in München hat Google aktuell 10 IT-Stellen zu besetzen.

Mangelnde Qualifikation

Dass der IT-Stellenmarkt so rasant gewachsen ist, könnte neben dem gestiegenen Bedarf noch einen weiteren Grund haben: Die Unternehmen finden keine qualifizierten IT-Mitarbeiter mehr. Firmen erwarten von ihren IT-Mitarbeitern, dass sie Java und C++ beherrschen, C und JavaScript, so der Index von Adecco. Vor allem ist den Firmen wichtig, dass ihre künftigen Mitarbeiter fließend Englisch sprechen. Ob ein IT-Berater gut Englisch beherrscht oder nicht, wird zum Einstellungskriterium. 3,6 Prozent der Inserate waren gleich ganz auf Englisch gehalten, im Gesamtstellenmarkt waren es 2,6 Prozent. Mehr als die Hälfte der Stellenanzeigen beinhaltete explizite Forderung nach Englischkenntnissen, ebenfalls deutlich über dem Schnitt des gesamten Stellenmarktes.

Doch an der Qualifikation liege es bei seinen Bewerbern nicht, meint Streich. Die Sprache etwa spielt in einem hauptsächlich in Deutschland tätigen Unternehmen keine so große Rolle wie in einer internationalen Firma. Ihm bereitet etwas ganz anderes Sorgen: "Allerdings sind die Bewerber ohne Berufserfahrung inzwischen deutlich jünger, das merkt man schon." G8 und das Bachelor-System brächten immer jüngere Berufseinsteiger hervor, denen insbesondere auch Lebenserfahrung fehlt. Und das ist nicht nur in der IT-Abteilung so: "Auch in anderen Fachbereichen tun sich die Leute schwer, Mitarbeiter zu finden", sagt Streich. "Es wird insgesamt enger." (kf)