Server, Clients & Management

Händler verschenken Virtualisierungs-Chancen

21.06.2012
Im Serverumfeld ist die Virtualisierung inzwischen Standard geworden. Dennoch ist das Potenzial auch hier längst nicht ausgeschöpft. Ein Überblick über Erreichtes und noch Erreichbares.
Stetiger Anstieg: Anteil der Workloads, die weltweit auf x86-Servern in virtuellen Maschinen laufen. (Angaben in Prozent) Quelle: Gartner
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Im Serverumfeld ist die Virtualisierung inzwischen Standard geworden. Dennoch ist das Potenzial auch hier längst nicht ausgeschöpft. Ein Überblick über Erreichtes und noch Erreichbares.
Der große erste Schritt ist gemacht: Die Servervirtualisierung ist bereits in vielen Unternehmen hierzulande eingeführt, verglichen mit Frankreich, Großbritannien und den USA liegt Deutschland sogar an der Spitze (siehe Bildergalerie unten).

Auch die Storage-Virtualisierung hat im Zuge dessen an Fahrt aufgenommen.
Im Serverbereich hat sich die Technologie für die Unternehmen sehr schnell ausgezahlt - das war ein Grund für die schnelle Verbreitung. Die Formel "Konsolidieren, Server und Storage besser auslasten, dadurch den Aufwand für die Administration senken und Betriebskosten sparen" ist griffig und nachvollziehbar. Auch die Möglichkeit, künftig Cloud-Services nutzen zu können, erweist sich zunehmend als Treiber, auch wenn "der Weg in die eigene Cloud noch nicht umgesetzt wird", wie Dr. Bernhard Schweitzer, Director Services Insight Deutschland, anmerkt.

Kosteneinsparungen sind jedoch nicht der einzige Grund für das weiterhin hohe Interesse an der Technologie, wie Martin Drissner, Brandleader Virtualization Solutions und System-Integration bei Fritz & Macziol, betont: "Die Virtualisierung erlaubt es Unternehmen vor allem, auf Veränderungen des Markts oder des Geschäftsmodells deutlich schneller zu reagieren."

Ausgeschöpft ist das Potenzial allerdings noch lange nicht: "Virtualisierungslösungen werden in erster Linie in Entwicklungs- und Testumgebungen eingesetzt", erklärt Gerald Hahn, Vorstandsvorsitzender des Spezial-Distributors SoftShell AG.

Die nächste Stufe zünden

Nach Ansicht von Jörg Hesske, Country Manager VMware Deutschland, gehe es jetzt zunehmend um die Virtualisierung geschäftskritischer Applikationen wie Exchange, SQL, SAP und Oracle. Das erfordert allerdings einen erhöhten Virtualisierungsgrad, wie Uwe Kannegießer, Director Value Added Distribution bei Ingram Micro, anmerkt.

Insgesamt berge vor allem der Mittelstandsmarkt für Reseller noch großes Wachstumspotenzial, davon ist Josef Blank, Country Manager von Magirus Deutschland, überzeugt.

Und auch bei der Einbindung mobiler Endgeräte spielt die Virtualisierung nach Meinung von Thomas Reichenberger, IT-Consultant bei ACP IT Solutions AG, und Frank Sahm, Technical Product Manager Server & Storage bei Tarox, bislang kaum eine Rolle.

Virtualisierung 2012 - Markt & Meinungen
Konsolidierungsrate im Server-Bereich
Dem V-Index von Veeam Software zufolge liegt das Verhältnis von virtualisierten Maschinen zu physischen Hosts in Deutschland bei 4,7:1. Hier ist noch Luft nach oben, findet Experton Group. Der anzustrebende Wert bei Verhältnis der Anzahl von virtuellen Servern zu physischen Servern bei mindestens 10:1, im Idealfall bei etwa 30:1.

Dabei biete dieser Ansatz ebenfalls enorme Möglichkeiten, Kosten zu sparen - und vor allem flexibler agieren zu können. "Dort, wo virtuelle Desktops und Thin Clients zum Einsatz kommen, fällt ein Großteil dieses Aufwands entsprechend weg oder lässt sich zumindest weitgehend standardisieren und automatisieren", sagt Peter Goldbrunner, Director Channel Sales Germany bei Citrix.

Ob Bring-Your-Own-Programme ihren Teil zur Kosteneinsparung tatsächlich beitragen, hat der Hersteller im eigenen Hause getestet. Das Ergebnis: "Wir haben bereits drei Jahre nach der Einführung seiner internen BYO-Initiative die IT-Kosten weltweit um 20 Prozent gesenkt", berichtet der Citrix-Manager.

Kosten gespart oder nur verlagert?

SoftShell-Vorstand Hahn widerspricht allerdings der verbreiteten Meinung in puncto Kostenvorteile: "In den meisten Fällen verschieben Virtualisierungslösungen den Administrations- und Kostenaufwand lediglich zeitlich - eine reale Reduzierung von Kosten- und Personalaufwand ist eher selten."

Gerade in der Anfangsphase entstehen seiner Erfahrung nach massive Mehrkosten für den Umbau und die Aufbereitung der aktuellen Infrastruktur. "Hinzu kommt die Neuanschaffung von Hardware und Software, und Lizenzen müssen oft neu erworben werden, da bestehende nicht weiterverwendet werden können. Trotz der Vorteile, die Virtualisierungslösungen bringen, sollten Unternehmen den Schritt gut durchdenken", so Hahn.

Das erweise sich immer wieder als Hemmschuh, so die Erfahrung von Hagen Dommershausen, Marketing Director Zentraleuropa bei Wyse (Dell): "Viele Unternehmen scheuen diese Investitionen, auch wenn über die Laufzeit gesehen die Kosten signifikant sinken."

Zünglein an der Waage

Konsolidierungsrate im Serverbereich

Dem V-Index von Veeam Software zufolge liegt das Verhältnis von virtualisierten Maschinen zu physischen Hosts in Deutschland bei 4,7 zu 1. Hier ist noch Luft nach oben, findet die Experton Group. Der anzustrebende Wert beim Verhältnis der Anzahl von virtuellen Servern zu physischen Servern bei mindestens 10 zu 1, im Idealfall bei etwa 30 zu 1.

Ob der Kunde letztlich die gewünschte Effizienz gewinnt und Kosten senken kann, hängt nach Ansicht von Silvio Edenberger, Client Technical Specialist System x bei IBM Deutschland, wesentlich von den richtigen Betriebs- und Organisationskonzepten ab. "Die Optimierung der virtuellen Umgebungen ist oft weniger ein technologisches als ein Know-how-Problem", pflichtet ihm Rolf Ferrenberg, Manager BU Desktop Delivery bei Arrow ECS, bei.

Insgesamt verlagerten sich die Kosten weg von der Hardware hin zu Administration und Dienstleistungen, erklärt Dominik Mutterer, Produktmanager Server bei Extra Computer. Gerade darin liege auch die große Chance für Vertriebspartner.

Knackpunkt Management

Trotz der zunehmenden Virtualisierung verschlingt die bloße Aufrechterhaltung des bestehenden IT-Betriebs noch immer den Löwenanteil des IT-Budgets, darin sind sich Analysten, Hersteller, Partner und Endkunden einig.

Die Tatsache, dass immer noch 70 Prozent der IT Kosten in der Aufrechterhaltung des Betriebs liegen, während nur 30 Prozent für Innovation zur Verfügung stehen, führt Magirus-Chef Blank auch darauf zurück, dass die Ansprüche an die IT komplexer geworden sind, weshalb der Administrationsaufwand virtualisierter IT Umgebungen ansteigt.
"Automatisierung und Management der virtualisierten Infrastrukturen sind das Gebot der Stunde. Hier sind insbesondere Systemhäuser gefragt", sagt er und beschreibt zwei Lösungswege: "Zum einen müssen leistungsfähige Automatisierungsstrategien gefahren werden, zum anderen sind sicherlich Cloud-Lösungen ein interessanter Ansatz, um interne Komplexität zu reduzieren."

Auch bei der Entwicklung in Richtung Cloud steigen die Anforderungen an das IT-Management der heterogenen Welten, wendet Arrow-Manager Ferrenberg ein: "Wie bekomme ich als Unternehmen die unterschiedlichen Anwendungsquellen Private Cloud oder Public Cloud und Anwendungstypen, wie "Windows", "Web" oder "mobile App", in den Griff?" Erste, wenn auch noch ausbaufähige Lösungsansätze dafür seien hier beispielsweise bei Citrix Cloud Gateway und Cloud Bridge zu erkennen.

Erfolgreiche Virtualisierungsprojekte
Vor dem Schritt in die Cloud
Bei Unternehmen, die gerade erst eine virtuelle Server-Landschaft aufgebaut haben, Augenmerk zuerst auf Automatisierung und Management legen, vor dem Schritt in die Cloud
Sicherheit
Virtuelle Infrastrukturen, Anwendungen und Desktops müssen mittels Firewalls, Access Policies und Virenscanner ebenso sorgfältig gegen Viren und Malware geschützt werden wie physikalische.
BYOD-Strategie
Strikte Trennung von privater und geschäftlicher Arbeitsumgebung muss gewährleistet sein, zum Beispiel mit Client-seitigem Hypervisor. Klare Betriebsvereinbarungen: Jeder Mitarbeiter muss wissen, was er darf und was nicht.
Software-Lizenzierung
Analyse der bestehenden Kundenumgebung
Backup & Disaster Recovery Strategie
Speicherstrategien, Datensicherung, Datenarchivierung, Multi-Tier-Speichertechnologien und vor allem Wiederherstellung und Migration berücksichtigen
Storage- und Netzwerk-Konzept
Um alle Features moderner Hypervisoren auszunutzen, sollten entsprechende Massenspeicherlösungen verwendet werden. Damit lässt sich die Verwendung von Service-Klassen automatisieren: Das Storage-Device informiert den Hypervisor automatisch über seine Leistungsklassen, sodass dieser entsprechend vorgegebener Regelwerke die Provisionierung von Workloads (VMs) automatisch nach vereinbarten SLAs vornehmen kann.
Organisation auf Kundenseite
Klärung und Definition: IT-Organisation (Aufbau- und Prozessorganisation, neue Rollen und Verantwortlichkeiten, neue Tools etc.) auf Kundenseite
Gesamtkonzept
Ganzheitlich Sicht über das Design und die Möglichkeiten der Implementierung behalten

Im Bereich Server-Virtualisierung könnten jedoch Produkte für Monitoring, Self-Service Portale, Abrechnung und Lifecyle Management, die auf virtuelle Infrastrukturen zugeschnitten sind, schon heute dazu beitragen, den Administrationsaufwand zu senken, wie Thomas Reichenberger, IT-Consultant bei der ACP IT Solutions, erklärt.

Und laut Fritz & Macziol-Manager Drissner stehen in diesem Segment bereits zunehmend mehr Tools für die Kapazitätsplanung und zur verbrauchsabhängigen Abrechnung der Datacenter-Ressourcen zur Verfügung.

Schwergewicht Storage

Nachholbedarf gibt es allerdings auch auf der Storage-Seite, wie Hagen Dommershausen erklärt: "Gerade bei Themen wie Verfügbarkeit, Zugriffgeschwindigkeit und Datensicherheit vergessen Unternehmen bisweilen, eine klare Strategie einzuführen und die unterschiedlichen Speicherebenen gezielt einzusetzen. Bei der Storage-Virtualisierung werden wir in den nächsten Jahren noch einige neue Entwicklungen sehen. Durch die wachsenden Datenmengen werden die notwendigen Storage-Lösungen über immer größere Kapazitäten verfügen und die Administratoren vor große Herausforderungen stellen."

Gefragt seien hier auch Konzepte zur transparenten Integration der verschiedenen Storage-Klassen wie Disk, Flash, SATA oder SSD oder auch unterschiedlicher Hersteller, ergänzt Drissner.

Beim Backup virtueller Infrastrukturen allerdings gab es Reichenberger zufolge in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte, die das Backup nicht nur schneller und zuverlässiger machten, sondern auch teilweise die Wiederherstellungszeiten (RTO) auf wenige Minuten reduzierten.

Standardisierung

Tipps für Vertriebspartner

1. Schulen, schulen, schulen. Zertifizierungen und Trainings sind oft sehr teuer, aber sie sind die Basis für den Erfolg

2. Cloud genau definieren und Mitarbeiter schulen

3. Definieren, in welche Richtung sich das eigene Systemhausgeschäft in den nächsten fünf Jahren entwickeln soll; Möglichkeiten regionaler Dienstleistungen im Bereich Hybrid Cloud erwägen

4. Vertriebs- und Marketingunterstützung der Hersteller und Distributoren nutzen

5. Kooperationen mit Systemhäusern eingehen, die ergänzende Lösungen anbieten. Die eigene Kernkompetenz aber beibehalten und vertiefen

6. Immer eine alternative Cloud-Dienstleistung und -Lösung zur On-Premise-Lösung anbieten können

7. Herausforderungen des Endkunden verstehen und individuell beraten

Ein weiterer Trend, den die Experten im Bereich der Virtualisierung erkennen, ist die Vereinheitlichung und Standardisierung, sowohl bei den Sicherheitskonzepten als auch bei der Infrastruktur. Rainer Liedtke zufolge, Senior Regional Sales Manager D-A-CH & Country Manager Germany bei Red Hat, erstreckt sich dieser Trend auch auf die zunehmende Interoperabilität der unterschiedlichen Virtualisierungslösungen.
Citrix-Channelchef Goldbrunner geht davon aus, dass die verschiedenen Virtualisierungsdisziplinen miteinander verschmelzen werden - vom Rechenzentrum bis zum Frontend.

Desktop an der Schwelle zur Cloud

Der Boom bei Smartphones und Tablets werde die Branche noch einige Zeit beschäftigen, darin sind sich die Experten einig. Damit werde auch die Nachfrage nach mobilen zentralen Anwendungen sowie Cloud- und Virtualisierung-Lösungen wachsen. Bei der Virtualisierung von Anwendungen und Desktops sind laut Drissner verstärkt Ansätze gefragt, die Anwender bereits aus dem privaten Umfeld kennen: Self-Service-Portale und App-Stores.

Kannegießer plädiert hier für die Kombination der Technologien: "Eine Desktop-Virtualisierung ist in den meisten Unternehmen in Verbindung mit Cloud-Strukturen, Applikationsvirtualisierung und End-User-Computing unumgänglich, denn schon heute sind die Wartungskosten für einen Desktop die höchsten IT-Kosten, die ein Unternehmen tragen muss."

Einig zeigen sich die Experten mit Insight-Manager Schweitzer, dass "die Cloud eine größere Rolle bei der Bereitstellung von Applikationen und dem Zugriff auf firmeninterne Daten bekommen und die Vermischung der geschäftlichen/privaten Nutzung eine große Herausforderung an die Sicherheitslösungen stellen wird."

Ist Desktop as a Service (DaaS) schon ein Thema?

Je mehr Cloud-basierte Ansätze künftig in den Unternehmen zum Zuge kommen, desto größer werde auch das Interesse an Desktop-as-a-Service (DaaS), schätzt Ansgar Licher, Geschäftsführer LWSystems. Das Unternehmen bietet diesen Service bereits auf Basis von Univention DVS an. Allerdings gibt es noch Hürden, die einer schnellen Akzeptanz im Massenmarkt im Wege stehen. Dazu gehören beispielsweise ungeklärte Fragen rund um Windows-Lizenzen.

Drissner zufolge ist DaaS immer dann ein Thema, wenn die Projekte zur Servervirtualisierung erfolgreich abgeschlossen sind und über Infrastructur-as-a-Service (Iaas) nachgedacht wird.

Und für VMware ist DaaS sogar heute schon "ein absolut gängiges Modell. Einen virtuellen Desktop beim Hosting-Partner seiner Wahl beitreiben zu lassen ist eine logische Weiterentwicklung des Desktop-Outsourcing", findet Holger Temme, Manager, End User Computing Business Central Europe and RUME, VMware.

Herausforderungen für Partner

In der Komplexität der Lösung und im Know-how bei der Auswahl des optimalen Produkts sowie bei dessen Implementierung und Betrieb sieht Dirk-Jan Bösinger, Manager Business Unit Virtualization bei Arrow ECS, die größte Herausforderung für die Partner.

"Einige Reseller wurden daher von der starken Nachfrage aus dem SMB-Bereich überrascht und verfügen oft nicht über das nötige Know-how, um ihre Kunden entsprechend zu beraten, geschweige denn Leistung anzubieten", berichtet Extra-Computer-Manager Dominik Mutterer.

Aufbau von Know-how sei deshalb das Gebot der Stunde, darin sind sich die Experten einig. Hinzu kommt, dass Kunden hier vom Partner den Nachweis und die Realisierung von Wirtschaftlichkeitspotenzialen erwarten, wie Michael Störchle, Client Technical Specialist System z bei IBM Deutschland, erklärt.

"Es gibt keine Standardlösung, die für alle Kunden gleich aussieht. Schauen Sie auf die Bedürfnisse der Kunden", appelliert VMware-Chef Jörg Hesske an die Partner.

Der zweite Schritt - die Erhöhung des Virtualisierungsgrads über die gesamte Infrastruktur hinweg bis hin zur Private Cloud - bleibt eine Herausforderung, für Partner wie für Kunden.

(rb)