Chancen der ITK-Dienstleister

Klimakrise und die Tech-Wirtschaft – Teil 2

14.04.2022 von Jan Nintemann
Technologien wie „Künstliche Intelligenz“ (KI) oder „Internet of Things“ (IoT) werden helfen, den CO2-Ausstoß deutlich zu reduzieren. Systemintegratoren kommt dabei eine Schlüsselrolle zu.
Dass die CO2-Emissionen reduziert werden müssen, ist allen Akteuren in den Tech-Branchen klar. Jetzt geht es darum, die richtigen Schritte auf dem Weg zur Klimaneutralität zu tun.
Foto: stockwerk-fotodesign - shutterstock.com

Im ersten Teil dieses Meinungsbeitrags ging um eine Bestandsaufnahme: Wie steht es aktuell um das Klima und um die Anstrengungen der ITK-Industrie zur Eindämmung des Klimawandels? Der zweite Teil behandelt die sich aus der CO2-Neutralität ergebenden Chancen für die ITK-Dienstleister.

An der Bewältigung des Klimawandels geht kein Weg vorbei

Noch bis Ende des letzten Jahrtausends bretterte auch ich als Branchenteilnehmer im Telekommunikationssektor mit 240 Sachen über die Autobahn - schließlich mussten Termine eingehalten werden. Zeit ist Geld! in den 1980er und 1990er Jahren und in sogar der Millennium-Dekade ging es weniger um CO2-Einsparung; der Zeitgeist präferierte die Computerisierung von Wirtschaft und Gesellschaft. Bis dann eben die "Fridays for Future"-Bewegung mit aller Macht aufkam und den Klimastein ins Rollen brachte.

Nun hat auch die Fachpresse die Bedeutung des Themas erkannt. Und die Tech-Branche zeigt auf einmal ein großes Interesse daran, sich nachhaltig zu verhalten. Wer als Unternehmen mit seinen Produkten weiterhin das Kima schädigt, wird verlieren - wer mit grünen Produkten und nachhaltigen Lösungen aufwarten kann, wird gewinnen. So kann man die bereits begonnene Transformation der Wirtschaft in die Klimaneutralität auf den Punkt bringen.

KI als Schlüssel zur schnelleren Erreichbarkeit von Klimaneutralität

Politik und Wirtschaft müssen die Klimakrise als Chance begreifen - nicht als drohendes Arbeitsplatz-vernichtendes Kosten-Schreckens-Szenario der Zukunft. Denn es herrscht kein Mangel an finanziellen Mittel, auch die passenden technischen Lösungen sind da. Es hapert einfach nur an der Umsetzung.

Dabei ist das "Jahrhundert des Öls" nun endgültig passé und das Festhalten an veralteten und klimaschädlichen Verfahren vernichtet schon kurz- bis mittelfristig Arbeitsplätze - anstatt neue zu schaffen. Das hat zum Beispiel der Volkswagen-Konzern feststellen müssen und gegenreagiert - mit 1.000 neu eingestellten IT-Kräften in einem Camp, um die KI-Versäumnisse gegenüber dem Mitbewerber Tesla aufzuholen.

Denn die Künstliche Intelligenz ist ein entscheidender Beschleunigungsfaktor für die Transformation in eine klimaverträglichere Welt geworden. Das beginnt bei der rechnergesteuerten Bedarfsanalyse, setzt sich bei der Suche nach umweltfreundlichen neuartigen Produkten und Lösungen fort, kulminiert sich bei der Erhöhung der Leistungsfähigkeit der Fabrikation mittels Automatisierung, hilft auch bei der Suche nach den effektivsten und umweltfreundlichsten Distributionswegen und findet so maßgeschneiderte Lösungen für jeden umweltbewussten Kunden.

Via KI ferngesteuerte Landmaschinen optimieren das Pflanzenwachstum und reduzieren durch zielgenaue Unkrautvernichtung ganz erheblich den Einsatz giftiger Unkrautvernichtungsmittel; KI optimiert den Energieverbrauch in der Mobilität und in den Gebäuden, und so weiter: KI ist der Schlüssel zu einer schnelleren Transformation unserer Wirtschaft in eine umweltschonende und klimaneutrale Welt.

Digitalbranche als Vorreiter

Kein Sektor kann zur Entwicklung von Klimaneutralität mehr beitragen als die Tech- und Digitalbranche - siehe Transformation zur Elektromobilität. Die "Elektrifizierung" unserer Wirtschaftssysteme geht mit der Digitalisierung aller Branchen und Sektoren einher. Darin liegen viele Chancen, aber auch zahlreiche Risiken. So löst beispielsweise die Cyberkriminalität die physischen Verbrechen immer mehr ab, und deshalb ist die europäische ITK-Branche gefordert, international verankerte IT-Sicherheitsstrukturen aufzubauen und zu pflegen.

KI-gesteuerte Systeme führen zweifelsohne zu verbesserter Energieeffizienz - sowohl in den Netzen der Stromversorger als auch im privaten Umfeld, wo unterschiedliche Energiequellen zu verschiedenen Zeiten und für unterschiedliche Gebrauchszwecke zu einem optimalen Energiemix führen.

Auf der IFA 2020 präsentierte die SmartHome Initiative Deutschland e.V. gemeinsam mit eQ-3 Homematic IP ein Feldversuch, worin sich mittels eines einfachen und kostengünstigen, drahtlos installierten Smart-Home-Systems mit integrierter Heizungssteuerung in einem Ein-Familienhaus oder in einer vergleichbaren Wohnung im Schnitt sofort etwa ein Viertel an Energiekosten einsparen lassen.

Die daraus gewonnenen Erkenntnisse mündeten in dem "Bürger-CO2-Projekt". Dort kann jeder sofort zur CO2-Reduzierung beitragen. Gerade im Gebäudesektor wurden die CO2-Emissionen bisher von der Politik stark vernachlässigt - obwohl Gebäude mit etwa 40 Prozent einen größeren CO2-Fußabdruck hinterlassen als die gesamte Mobilitätsbranche, die einen Footprint von etwa 33 Prozent verantwortet.

Die Konnektivität von allen möglichen Haushalts-, Unterhaltungs- und Kommunikationsgeräten auf der einen und smarten Klima-, Licht- und Security-Steuerungsprozessen auf der anderen Seite ist für jeden Anwender eine Herausforderung - weil die Technologie sehr komplex ist. Hier sind daher zuallererst Fachhändler und Systemintegratoren gefragt, für die diese neuen Betätigungsfelder wie geschaffen sind. Diese ITK-Dienstleister können hier mit Beratungs-, Konfigurations- und Installationsleistungen bei Kunden punkten.

Die digitale Vernetzung von Wohnungen, Gebäuden, ja ganzer Städte in Verbindung mit der neuen via Internet und KI gesteuerten mobilen Welt bildet die Basis der neuen spannenden Formel der Tech-Branchen.

Nachhaltigkeit durch Digitalisierung

Zu den energetisch-optimierten Heizsystemen gesellen sich in den heißer werdenden Sommern Raumkühlsysteme dazu. Hierbei finden viele ITK-, Elektro- und Smart Home/Smart Building-Unternehmen ein langanhaltendes und lukratives Betätigungsfeld. Und das Potential ist hier riesig: Nur 20 Prozent der weit mehr als 22 Millionen Gebäude in Deutschland sind bereits mit smarten Heiz- und Kühlsystemene ausgestattet.

Deshalb sollten insbesondere die Tech-Branchen die Klimakrise als Chance, und nicht als ein abzuwehrendes Schreckensszenario begreifen. Die Kosten der Transformation in die Klimaneutralität sind zwar hoch, doch wenn diese Maßnahmen unterbleiben, entstehen vielfach höhere Kosten - und das schon in wenigen Jahren.

Die Transformation in eine digitale, moderne und umweltfreundliche Gesellschaft ist in erster Linie eine politische Aufgabe: Die Behörden müssen schnellstens die Weichen für die Wirtschaft stellen, denn alle Unternehmen brauchen dringend Planungssicherheit für die Transformation in ein nachhaltiges Wirtschaften. Nur dann können sie langfristige Investments planen und einen größeren Teil der Transformation finanziell selbst stemmen, anstatt die Steuerzahler zu belasten wie beim Kohleausstieg - auch wenn mit Blick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit in einigen Sektoren, etwa in der Stahlindustrie, staatliche Subventionen unumgänglich sein werden.

Dr. Sara Warneke, Geschäftsführerin der gfu Consumer & Home Electronics GmbH: "Das neue Energielabel motiviert Hersteller aller Produktkategorien immer energiesparendere Innovationen in den Markt zu bringen“.
Foto: gfu

Viele Firmen preschen schon vor: Apple, Bechtle, Bosch, Microsoft, Miele, Systeam - auch die ITK-Distribution und der Handel entfalten hier schon hervorragende Aktivitäten in Richtung Klimaneutralität. Zunehmend wollen die Unternehmen auch von den mit ihnen vernetzten Geschäftspartnern wissen, wie es denn mit der Nachhaltigkeit und Klimaneutralität bei ihnen bestellt ist - und das eine oder andere Unternehmen möchte Umweltzertifizierungen sehen, noch bevor eine geschäftliche Anbahnung möglich ist. Ein Trend, der ebenfalls wie ein Beschleunigungsfaktor wirkt.

Bestimmten in der Vergangenheit Marken-Image und das Preisleistungsverhältnis maßgeblich den Erfolg eines Produktes am Markt, so werden es in Zukunft in erster Linie Klima- und Umweltkriterien sein. Wir dürfen jedoch den Wandel unserer Wirtschaft in eine klimaneutrale Welt nicht isoliert betrachten. Alle KMUs und auch die Privathaushalte müssen da mitmachen.

Lobenswert sind hier die Aktivitäten und Initiativen des ZVEI und der gfu, deren Geschäftsführerin Frau Dr. Sara Warneke im März 2021 der Branche das neue Energielabel der Europäischen Kommission nicht nur bekannt machte, sondern es ihr auch verständlich erläuterte.

IoT hilft bei der Bewältigung des Klimawandels

Durch den Wettbewerb neigen viele technologischen Sparten zuallererst dazu, untereinander zu konkurrieren - und vernachlässigen hierbei, die Aspekte des technischen und vertrieblichen Vermarktungspotentialn und ihre Synergien zu verfolgen. Man denke hier nur an die im Bereich Smart Home/Smart Building streng getrennten Tätigkeitsfelder: Sanitäranlagen, Elektroinstallation, IT und TK. Die IoT-Technologie ("Internet of Things") könnte für diese unterschiedlichen Gewerke die Klammer bilden.

Die bisher sehr verengte Betrachtungsweise eines Fachingenieurs und eines ganzen (technischen) Branchensektors verliert den Blick auf die immer mehr vernetzten Technologien und auf die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft - deren Gewerke in der nun inzwischen weitestgehend digital vernetzten Welt (IoT) wieder zusammengeführt werden müssen. Diese gewachsenen und bisher streng voneinander getrennten Strukturen dürften der Hauptgrund dafür sein, warum es mit Smart Home/Smart Building viel zu langsam vorwärts geht. Genau diese Fehlstellungen aber bremsen die wirtschaftliche Entwicklung in eine klimaneutrale Welt.

Beim Klimawandel müssen wir daher über unseren Tellerrand schauen - das trifft ganz besonders auf die ITK-Branche zu, die sich nun noch viel tiefer als bisher mit allen Branchen und Behörden vernetzen muss.

Den "Krieg" gegen die Klimakrise können wir nur gewinnen, wenn wir alle - Politik, Wirtschaft und Gesellschaft - sofort damit beginnen, alle erdenklich nachhaltigen, klima- und umweltfreundlichen Technologien und Möglichkeiten auszuschöpfen, unser Verhalten und unser Bewusstsein in Richtung Klima-Priorisierung zu ändern. Halbherzig ist dieser "größte Überlebenskampf aller Zeiten" nicht zu gewinnen - wie jüngst das Beispiel der afghanischen Regierungstruppe gegen die Taliban, die offensichtlich nicht so recht wußte, wofür oder wogegen sie eigentlich kämpfte, gezeigt hat. Die Welt nach Corona wird eine völlig andere sein als vor Corona - auch aufgrund der Klimakrise.

Mehr zum Thema Smart Home/Smart Building:
Was Deutsche sich wünschen
Wie Systemhäuser Gebäude und Wohnungen "smart" machen
Die "intelligente" Gebäude-Steuerung
Systemhäuser und IoT
Smart-Home-Einrichtung leicht gemacht