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20.02.2008

INTERVIEW/Siemens will Geschäft in Low-End-Märkten stärken

Von Alexander Becker DOW JONES NEWSWIRES

Von Alexander Becker DOW JONES NEWSWIRES

MÜNCHEN (Dow Jones)--Die Siemens AG wird künftig ihr Geschäft mit Produkten im Low-End-Bereich stärken, um das überproportionale Wachstum in den Emerging Markets besser ausschöpfen zu können. "Es gibt eine hohe Wachstumsgeschwindigkeit in diesen Segmenten, die auch für Siemens eine ungeheure Möglichkeit darstellen", sagte der Chefstratege des DAX-Konzerns, Horst Kayser, Dow Jones Newswires im Interview. Um diesem Trend zu folgen, wird sich auch der Anteil der Wertschöpfung von Siemens verstärkt in Richtung der Emerging Markets verschieben.

"Allein in Indien und China schätzen wir die Low-Cost-Märkte für unsere Geschäftsfelder auf rund 50 Mrd EUR", sagte der Leiter der Konzernstrategie bei Siemens. Weltweit liege der für Siemens adressierbare Markt bei rund 100 Mrd EUR. Der Siemens-Manager sieht hier in den kommenden Jahren ein im Vergleich zum Konzernwachstum überdurchschnittliches Wachstum von 10% bis 20%."

Auf Konzernebene will Siemens den Umsatz um mehr als das Zweifache des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP) steigern. Das entspricht derzeit einem Wachstumsziel von mindestens rund 7% im laufenden Geschäftsjahr 2007/08 und für 2008/09.

Insgesamt beziffert Siemens den adressierbaren Markt in den drei Kerngeschäftsfeldern Industry, Energy und Healthcare auf rund 860 Mrd EUR im Jahr 2010. Derzeit machen die Emerging Markets sowie der Low-Cost-Bereich etwa 30% des Geschäfts von Siemens aus. Für das abgelaufene Geschäftsjahr 2006/07 hat Siemens einen Auftragseingang von rund 84 Mrd EUR und einen Umsatz von 73 Mrd EUR ausgewiesen.

Für die Low-Cost-Märkte entwickelt Siemens Standardprodukte mit einer eingeschränkten Funktionalität, die ein entsprechend niedrigeres Preisniveau als die High-End-Produkte haben. Die stärkere Fokussierung auf Low-End-Märkte ist laut Kayser kein Widerspruch zu der an sich innovationsgetriebenen Unternehmenskultur. So sei Siemens auch in den Industrieländern bereits ergänzend zu dem Hightech-Produktportfolio im unteren Marktsegment tätig. Bewusst fern halte sich Siemens dabei aber laut Kayser von Segmenten, die als Billigprodukte oder Plagiat-Felder bezeichnet werden.

"Die Low-End-Märkte sind eine Riesenchance, die wir natürlich in der entsprechenden Konsequenz nutzen und nützen müssen", so der Siemens-Chefstratege Kayser. Siemens gehe davon aus, dass der Anteil der Emerging Markets von heute 30% auf 40% am Welt-BIP im Jahr 2020 wachsen wird. In den Emerging Markets mache der Anteil des Low-End-Bereichs 30% bis 50% und manchmal mehr aus.

Die Chancen der Low-End-Strategie würden angesichts der Wachstumschancen die Risiken "deutlich" überwiegen. "Risiko besteht nur dann, wenn man die Geschwindigkeit dieser Entwicklung unterschätzt. Man muss im Gegenteil schneller wachsen, um seine Marktanteile auszubauen", so Kayser.

Siemens verspricht sich dabei auch in diesem preissensitiven Geschäftssegment attraktive Margen. "Low-End-Märkte sind wegen ihrem Stückzahlpotenzial sehr attraktiv", so Kayser. Der Manager verweist auf die Automatisierungstechnik, bei der Siemens mit Produkten für einfache Anwendungen bereits jetzt Stückzahlen erreicht, "die in die Hunderttausende gehen". Über diese Skaleneffekte könnten auch in diesen Segmenten "auskömmliche Margen" erzielt werden, die "unterstützend zur Erreichung unserer anspruchsvollen Margenzielen sind".

Der Anspruch sei, eine vergleichbare Profitabilität wie in den High-End- und Midmarkets zu erwirtschaften. Bei entsprechend angepassten Wertschöpfungs- und Kostenstrukturen können auch im Low-End-Bereich zweistellige Margen wie im High-End-Bereich erzielt werden.

Um wettbewerbsfähige Kostenstrukturen zu haben, wird Siemens den Low-End-Bereich aus den Wachstumsmärkten wie China und Indien heraus beliefern. "Als weltweiter Technologie-Anbieter müssen wir durch Präsenz in Low-Cost-Märkten Teile der Wertschöpfungsstrukturen deutlich kostengünstiger aufstellen. Das gilt für die Entwicklung, Fertigung und vor allem auch die Beschaffung", so Kayser. Letztlich müsse Siemens für bestimmte Produkte ein "chinesischer Wettbewerber" werden.

So entwickele Siemens in China Produkte für den weltweiten Low-End-Bereich, um von dort als Exporteur den gesamten Weltmarkt bedienen können. Dafür sieht Kayser Siemens "perfekt aufgestellt". Das Unternehmen könne für die auf der vorhandenen Siemens-Technologie basierenden Produkte mit einer kompletten Wertschöpfung und lokalen Lieferanten etwa in China fertigen und dafür die weltweite Vertriebsstruktur des Konzerns nutzen. Damit habe Siemens auch einen Vorteil gegenüber etwa chinesischen Anbietern, die ihre Strukturen in den Industrienationen meist erst noch aufbauen müssen.

In der Siemens-Strategie sind trotz der stärkeren Ausrichtung auf das niedrigere Preissegment auch die Standorte in Hochlohnländern wie Deutschland unverändert wichtig. "Es werden im Zuge der Low-Cost-Strategie Fertigungskapazitäten nicht in massivem Umfang hier abgezogen und woanders wieder aufgebaut", so Kayser. "Sie brauchen eine Weltkostenstruktur, die das gesamte Spektrum abbilden kann".

Die einzelnen Standorte müssten dabei in ihrem Bereich wettbewerbsfähig sein. Standorte in Hochlohnländern müssten sich über Innovativität und Hochtechnologie positiv differenzieren und können dann auch im Wettbewerb bestehen. Derzeit habe Siemens zum Beispiel in Asien 15% Umsatz, 16% der Mitarbeiter und 19% der Fertigungsressourcen. In Deutschland seien es 17% vom Umsatz, 32% der Mitarbeiter und 28% der Fertigung.

"Diese prozentuellen Verhältnisse werden sich Zukunft wahrscheinlich stärker in Richtung Asien, Mittlerer Osten und ehemalige GUS-Staaten verschieben", so Kayser. Dieses erfolge aber im Wesentlichen über das dortige überproportionale Wachstum und nicht durch Verlagerung. Siemens werde - je nach Kapazitätslage - auch künftig in den Ausbau der Fertigungen etwa in Westeuropa investieren müssen.

Der Siemens-Vorstandsvorsitzende Peter Löscher hatte bereits auf der Hauptversammlung Ende Januar angekündigt, für nachhaltiges Wachstum in Asien neben dem oberen Marktsegment auch die Position im mittleren Bereich auszubauen und entsprechend dabei auf eine starke lokale Wertschöpfung und Beschaffung zu setzen.

Entsprechend will Löscher die Low-Cost-Strategie auch direkt in der derzeit laufenden Neuaufstellung des Konzerns umgesetzt wissen. "Die Low-Cost-Strategie ist expliziter Gegenstand der Strategie-Reviews und -Diskussion zwischen Vorstand und den Divisionen", so Kayser. In deren strategischen Plänen der Divisionen werden vom Siemens-Vorstand konkrete Aussagen zu Produkt-Pipelines und den zu erreichenden Meilensteinen in den Emerging Markets und Low-Cost-Segmenten erwartet. "Im Zuge der Neuaufstellung des Konzerns ist das nun jeder Division als Hausaufgabe mit in die Planung gegeben worden", so Kayser. Im Rahmen der Ausrichtung von Siemens auf attraktive Wachstumsmärkte weltweit sei die Ausrichtung auf Low-Cost-Segmente ein Kernbestandteil.

Webseite: http://www.siemens.com - Von Alexander Becker, Dow Jones Newswires, +49 (0)89 5521 40 30 industry.de@dowjones.com DJG/abe/brb

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