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27.10.2014 - 

Kommentar

Willkommen in Deutschland, Amazon Web Services!

René Büst ist Senior Analyst und Cloud Practice Lead bei Crisp Research mit dem Fokus auf Cloud Computing und IT-Infrastrukturen. Er ist Mitglied des weltweiten Gigaom Research Analyst Network und gehört weltweit zu den Top 50 Bloggern in diesem Bereich. Seit Ende der 90er Jahre konzentriert er sich auf den strategischen Einsatz der Informationstechnologie in Unternehmen.
Die Analysten haben es bereits von den Dächern gezwitschert. Nun werden die bisher unbestätigten Vorabmeldungen zur Realität. Die Amazon Web Services (AWS) eröffnen mit einem Rechenzentrum in Deutschland eine neue Region (eu-central-1) speziell für den deutschen Markt und damit ihre 11. Region weltweit.

Rechenzentren in Deutschland haben Hochkonjunktur

Dieser Tage macht es Spaß ein Rechenzentrumsbetreiber in Deutschland zu sein. Nicht nur, dass die "Logistikzentren der Zukunft" aufgrund der Cloud als auch der Digitalen Transformation immer weiter in den Fokus rücken. Auch die großen der IT-Branche werfen ihre Greifarme immer weiter in Richtung der deutschen Unternehmenskunden aus. Nachdem Salesforce im März seine Landung für 2015 (Partnerschaft mit T-Systems) angekündigt hat, zogen zunächst Oracle und kürzlich VMware nach.

Rene Büst: "Insbesondere die globale Skalierbarkeit der Amazon Cloud-Infrastruktur macht den Anbieter zu einem attraktiven Partner für ISVs, um eine SaaS-Applikation Zielkunden außerhalb des deutschen Marktes zeitnah zur Verfügung zu stellen."
Rene Büst: "Insbesondere die globale Skalierbarkeit der Amazon Cloud-Infrastruktur macht den Anbieter zu einem attraktiven Partner für ISVs, um eine SaaS-Applikation Zielkunden außerhalb des deutschen Marktes zeitnah zur Verfügung zu stellen."
Foto: Rene Büst

Hingegen der allgemein verbreiteten Meinung einer höheren Datensicherheit auf deutschem Boden, haben diese strategischen Entscheidungen mit dem Thema Sicherheit für den Kunden nichts zu tun. Denn ein deutsches Rechenzentrum alleine bietet keine höhere Datensicherheit. Es eröffnet lediglich den Vorteil des deutschen Datenschutzniveaus, um damit die rechtlichen Rahmenbedingungen zu erfüllen.

Allerdings hat Lokaliltät aus technischer Perspektive eine große Bedeutung. Aufgrund der Verlagerung geschäftskritischer Daten, Applikationen und Prozesse auf externe Cloud Infrastrukturen, verändern sich für CIOs nicht nur die IT-Betriebskonzepte (Public, Private, Hybrid). Auch die Netzwerkarchitekturen und Anbindungsstrategien unterliegen maßgeblichen Veränderungen.
Um Applikationen performant, stabil und sicher bereitzustellen, sind einerseits moderne Technologien erforderlich, andererseits ist der Standort für eine optimale "Cloud-Connectivity" maßgeblich entscheidend. Denn ein Cloud Service ist nur so gut, wie die Verbindung, über die er bereitgestellt wird. Das Thema Cloud-Connectivity wird für Cloud-Anbieter zu einem kritischen Wettbewerbsvorteil.

Nun auch die Amazon Web Services

Trotz konkreter technischer Hinweise haben sich AWS Executives stets mit einem Nebel des Schweigens umhüllt. Entgegen aller Dementis ist es nun aber offiziell. AWS wird mit einer neuen Region "eu-central-1" in Frankfurt ein Rechenzentrum auf deutschen Grund eröffnen. Die Region besteht aus zwei Availability Zones (zwei voneinander separierte Rechenzentrumstandorte) und bietet die gesamte Funktionalität der Amazon Cloud. Die neue Cloud-Region ist vollständig einsatzfähig und kann von Kunden bereits genutzt werden. Mit dem Standort Frankfurt eröffnet Amazon die zweite Region in Europa (neben Irland). Dies ermöglicht es Kunden nun, ein Multi-Regionen-Konzept in Europa zu realisieren, um eine höhere Verfügbarkeit ihrer virtuellen Infrastruktur sicherzustellen, wovon ebenfalls die Uptime der Applikationen profitiert.

(siehe auch Amazon startet Data Center in Frankfurt)

Dass die Entscheidung auf Frankfurt fiel ist nicht ungewöhnlich. Der Standort Frankfurt am Main hat sich auf der Infrastrukturseite im Laufe der Zeit zum Rückgrat der digitalen Wirtschaft in Deutschland entwickelt. In Deutschland, aber auch europaweit ist Frankfurt im Hinblick auf die Dichte an Rechenzentren sowie die Anbindung an die zentralen Internetknoten führend. Die kontinuierliche Verlagerung von Daten und Applikationen auf die Cloud-Infrastrukturen externer Provider hat Frankfurt zu einer Hochburg des Cloud Computing in Europa werden lassen.

Um seinen Kunden neben den datenschutzrechtlichen Themen ebenfalls auf der technischen Seite (Cloud-Connectivity) unter die Arme zu greifen, hat Amazon sich somit genau für das richtige Zugpferd auf der deutschen Rechenzentrumslandkarte entschieden. Dies war bereits im Mai diesen Jahres der Fall, als die Partnerschaft mit NetApp zum Aufbau von Hybrid Cloud Storage Szenarien angekündigt wurde.

Ernsthafte deutsche Workloads auf der Amazon Cloud

Eine gute Indikation für die Attraktivität einer AnbieterInfrastruktur lässt sich an den Referenzkunden ablesen. Gewöhnlich auf Startups fokussiert, versucht AWS mit allen Mitteln die Gunst bei den Unternehmenskunden zu gewinnen. Mit Talanx und Kärcher wurden bisher zwei bekannte Größen in der deutschen Unternehmenslandschaft präsentiert.

Der Versicherungskonzern Talanx hat das Reporting und die Kalkulation seiner Risiko-Szenarien in die Amazon Cloud verlagert. Das Unternehmen ist damit in der Lage, sein Risikomanagement Solvency II Konform aus dem eigenen Rechenzentrum zu verbannen: Das Unternehmen erzielt damit nach eigenen Angaben einen Zeitvorteil als auch jährliche Einsparungen in Höhe von acht Millionen Euro. Der Konzern um Group CIO Achim Heidebrecht ist bereits bei der Evaluation weiterer Applikationen für die Amazon Cloud.

Der Weltmarktführer unter den Reinigungssystemen Kärcher hat das Internet of Things/Industrie 4.0, genauer Machine-to-Machine Communication für sich entdeckt. Zur Optimierung des Einsatzgrads seiner weltweiten Reinigungsflotte nutzt Kärcher den globalen Footprint der Amazon Web Services Cloud-Infrastruktur. Die Geräte senden dazu in regelmäßigen Abständen Informationen zur Verarbeitung in die Cloud. Weiterhin stellt Kärcher seinen weltweit verteilten Partnern und Kunden Informationen über die Amazon Cloud zur Verfügung.

Strategisches Vehikel: Amazon Marketplace

Mit der Software AG hat AWS einen klassischen deutschen ISV (Independent Software Vendor) auf seine Cloud gehoben. Das bekannte BPM-Tool Aris lässt sich nun auch im "Aris-as-a-Service"-Modell (SaaS) nutzen und wird über die Amazon Cloud-Infrastruktur skalierbar bereitgestellt.

Womit die Software AG begonnen hat, könnten zahlreiche deutsche ISVs folgen. Insbesondere die globale Skalierbarkeit der Amazon Cloud-Infrastruktur macht den Anbieter zu einem attraktiven Partner, um eine SaaS-Applikation Zielkunden außerhalb des deutschen Marktes zeitnah zur Verfügung zu stellen. Dabei spielt der AWS Marketplace eine Schlüsselrolle. Amazon AWS verfügt damit über eine Marktplatzinfrastruktur, auf die ISVs ihre Lösungen einem breiten und weltweiten Publikum schmackhaft machen können. Der Vorteil für den ISV:

  • Er entwickelt auf der Amazon Cloud und benötigt keine eigene (globale) Infrastruktur.

  • Er entwickelt seine Lösungen als "as-a-Service" und vertreibt sie über den AWS Marketplace.

  • Er nutzt die Bekanntheit und Reichweite des Marktplatzes.

Dieses Szenario bedeutet für Amazon AWS eines: Der Cloud-Primus gewinnt in jedem Fall. Denn solange die Infrastrukturressourcen genutzt werden klingelt die Kasse.

Herausforderungen im deutschen Markt

Public Cloud Anbieter wie Amazon AWS haben trotz ihrer Innovationsführerschaft einen schweren Stand bei deutschen Unternehmen, insbesondere dem mächtigen Mittelstand. Für diesen ist der Self-Service und die komplexe Nutzung der Cloud-Infrastruktur einer der Hauptgründe sich gegen die Public Cloud zu entscheiden. Weiterhin hat der NSA Skandal, auch wenn dieser nicht im Zusammenhang mit der Cloud steht, bei deutschen Unternehmen psychologische Narben hinterlassen. Die Datenschutzthematik in Zusammenhang mit der US-amerikanischen Herkunft der Anbieter bildet das i-Tüpfelchen.

Nichtsdestotrotz hat Amazon AWS mit dem Rechenzentrumsstandort in Frankfurt seine Pflicht in Deutschland erfüllt. Was nun fehlt ist die Kür. Diese besteht

  • ... aus dem Aufbau eines potenten Partnernetzwerkes, um an die Masse von attraktiven deutschen Unternehmenskunden zu gelangen.

  • … aus der Verringerung der Komplexität durch die Vereinfachung der Nutzung des Scale-Out Prinzips.

  • … aus der Stärkung des AWS Marketplace für die einfachere Nutzung von skalierbaren Standard-Workloads und Applikationen.

  • … aus der Attraktivitätssteigerung auf Seiten der deutschen ISVs. (bw)

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