Fast schon „Pro“

iPad Air 4 2020 im Praxistest

26.10.2020
Von André Martin
Neues Design, brandaktuelle CPU, bessere Kamera, mehr Möglichkeiten: Das iPad Air geht in die vierte Generation und diesmal hat Apple fast alles angefasst. Kann es den Pro-Modellen das Wasser reichen?

Ist es ein iPad Pro – oder doch das neue iPad Air? Optisch muss man schon ganz genau hinsehen, um den Unterschied erkennen zu können. Das kantige Gehäusedesign war bislang den teureren Tablets vorbehalten, nun reicht es Apple eine Etage tiefer in die Air-Klasse. Aber auch in puncto CPU ist das Air-Modell sogar schon zwei Generationen weiter. Doch der Reihe nach.


Speicher-Ausstattung

Mehr Speicher ist immer besser! Vor allem dann, wenn man auf dem großen Bildschirm gerne Fotos oder gar Videos bearbeitet. Da kommen schnell ein paar Gigabyte zusammen. Dennoch bleibt Apple – was die Ausstattung mit Flash-Speicher beim iPad Air angeht – seiner Strategie treu: entweder wenig oder viel! Man hat lediglich die Wahl zwischen 64 oder 256 Gigabyte. Das ist ein Unterschied zu den Pro-Modellen, die man auch mit 128 GB, 512 GB oder gar mit 1 Terabyte bekommt. Hier will Apple offensichtlich die Grenze zum Pro-Bereich nicht überschreiten.

Ähnliches gilt für den verfügbaren RAM-Speicher. Im neuen iPad Air stehen dem neuen A14-Bionic-Chip rund 4 Gigabyte RAM zur Seite, der A12Z Bionic in den Pro-Modellen hat dagegen 6 Gigabyte RAM. Man merkt: Unter der Haube gibt es schon deutliche Abweichungen, weswegen man das iPad Air besser nicht direkt mit den Pro-Modellen vergleichen sollte.

Bleiben wir also beim direkten Vorgänger, dem iPad Air 3 aus dem Jahre 2019.

Neues Display

Der Farbraum des iPad Air 4 (farbiger Körper) soll den P3-Standard erreichen, im Test liegt er leicht hinter dem Farbraum des 16-Zoll-Macbook Pro (transparenter Körper).
Der Farbraum des iPad Air 4 (farbiger Körper) soll den P3-Standard erreichen, im Test liegt er leicht hinter dem Farbraum des 16-Zoll-Macbook Pro (transparenter Körper).
Foto: Apple

Mit 10,9 Zoll ist das Display im Vergleich zum Vorgänger etwas größer geworden. Der Home-Button ist nun verschwunden, man erreicht den Home-Screen – wie bei den Pro-Modellen – durch Aufwärtswischen vom unteren Bildschirmrand. Außerdem spendiert Apple dem iPad Air eine etwas höhere Auflösung: Mit 500 cd/qm bleibt die Helligkeit gleich, wir messen unter Laborbedingungen im Dunkelraum 404 cd/qm. Ein guter Wert, auch unter freiem Himmel dürfte man kaum ein Szenario erleben, bei dem das Display nicht mehr ablesbar wäre.

Dazu kommt ein gemessenes Kontrastverhältnis von etwa 1300:1. Ebenfalls ein passabler Wert. Von den Traumzahlen eines OLED-Displays ist man hier aber noch weit entfernt. Ob es OLED jemals in Apples Tablets schaffen wird, steht in den Sternen. Ein Trost: auch die Android-Konkurrenz gibt sich in diesem Punkt eher sparsam. Lediglich eine Handvoll Hersteller bietet OLED-Tablets mit größeren Bildschirmen 10-Zoll an.

Touch-ID im Lock-Button

Der Touch-ID-Sensor wandert an den Rand des Gehäuses und wird deutlich kleiner.
Der Touch-ID-Sensor wandert an den Rand des Gehäuses und wird deutlich kleiner.
Foto: Apple

Kein Home-Button mehr und keine Face-ID? Wie entsperrt man das neue iPad Air denn nun? Damit kommen wir zu einer echten Neuerung, die Apple bislang in keinem anderen Produkt einsetzt: Der Fingerprint-Sensor wandert in den Einschaltknopf am oberen Rand des iPad-Gehäuses. Dadurch wird er gleichzeitig deutlich kleiner, vor allem schmaler. Kann er so Fingerabdrücke noch zuverlässig erkennen?

Wir sind zunächst skeptisch und testen die Funktion besonders aufmerksam. Das Einrichten der Fingerabdrücke funktioniert genauso wie beim herkömmlichen runden Sensor. Zunächst speichert das iPad den mittleren Bereich der Fingerkuppe, dann die Ränder. Nach wie vor kann man bis zu fünf Finger speichern und das ist jetzt auch tatsächlich sinnvoll, denn wenn man das iPad Air im ebenfalls neu unterstützten Magic Keyboard betreibt, liegt der Einschalter auf der linken Seite. Da muss man auch als Rechtshänder auf jeden Fall den linken Zeigefinger als Entsperrmöglichkeit mit aufnehmen, sonst kommt es zu unangenehmen Verrenkungen vor dem iPad.

Nach einer anfänglichen Eingewöhnungsphase klappt das Entsperren mit dem schmalen Sensor in der Praxis prima. Gefühlt passieren ein paar Fehlversuche mehr als mit dem großen Sensor, doch alles in allem funktioniert der schmale Sensor erstaunlich gut. Man kann davon ausgehen, dass Apple diese Art der Entsperrung auch noch in anderen Geräten einsetzen wird. Vor allem in Corona-Zeiten haben die Fingerprint-Sensoren Vorteile. Denn die sonst so elegante Face-ID-Lösung versagt, wenn man einen Mund-Nasenschutz trägt.

Mehr Möglichkeiten USB-C, Smart-Connector, Pencil

Dank Smart-Connector kann man nun auch das Magic Keyboard am iPad Air verwenden.
Dank Smart-Connector kann man nun auch das Magic Keyboard am iPad Air verwenden.
Foto: Apple

Wie bei den Pro-Modellen verabschiedet sich Apple auch beim neuen iPad Air vom lieb gewonnenen Lightning-Port, der nun auch schon so langsam in die Jahre gekommen ist und setzt auf USB-C. Das ist inzwischen auch kein Nachteil mehr, denn Ladegeräte gibt es genug von Drittanbietern zu kaufen. Außerdem legt Apple eines mit 20 Watt Leistung bei. Damit ist das iPad in knapp zweieinhalb Stunden von Null auf 100 Prozent aufgeladen.

Mit USB-C kann man aber noch wesentlich mehr anfangen. Massenspeicher, wie USB-Sticks oder sogar externe Festplatten kann man direkt anschließen und eine Vielzahl von Files über die App „Dateien“ sofort öffnen oder auf den internen Speicher des iPad umkopieren. Auch andere Peripheriegeräte wie USB-Ethernet-Adapter funktionieren. Einfach einstecken und in der App „Einstellungen“ taucht ein neuer Punkt „Ethernet“ auf.

Per USB-C lassen sich USB-Peripheriegeräte wie beispielsweise Ethernet-Adapter am iPad betreiben.
Per USB-C lassen sich USB-Peripheriegeräte wie beispielsweise Ethernet-Adapter am iPad betreiben.


Wir hatten es schon erwähnt: Dank dreier Kontaktpunkte auf der Rückseite und ein paar kräftigen Magneten arbeitet das neue iPad Air nun auch mit dem Magic Keyboard zusammen. Apple hat uns zum Test eines mitgeschickt und es ist erstaunlich, wie schnell man sich an die Bedienung mit Tastatur und dem Trackpad gewöhnt. Im Nu arbeitet man mit dem iPad so, wie mit einem Macbook. Ob es tatsächlich ein echter Ersatz für ein Notebook wird, hängt – wie so oft – von der Software ab.

Nach wie vor gibt es Programme, die man auf einem iPad nicht bekommt, allen voran Entwickler-Tools wie Xcode oder VS Code sowie Profi-Software zur Audio/Video-Bearbeitung. In diese Bereiche wird ein iPad selbst mit Magic Keyboard und Trackpad nicht so schnell vorstoßen.

Wer künstlerisch veranlagt ist oder gerne handschriftlich arbeitet, wird sich über die Möglichkeit freuen, den Apple Pencil der 2. Generation verwenden zu können. Im Test klappte beispielsweise die Handschrifterkennung, die Apple mit iOS14 einführt, ganz passabel, wenngleich sie derzeit lediglich auf die englische und chinesische Sprache vorbereitet ist. Solange man deutsche Wörter ohne Umlaute schreibt, funktioniert die Erkennung auch jetzt schon ganz gut. Bei Umlauten kommen allerdings oft ganz eigenwillige Resultate heraus.

Kamera

Ein weiterer großer Fortschritt zum direkten Vorgänger ist die eingebaute Kamera auf der Rückseite, die nun mit 12 Megapixeln auflöst. Wir haben mit dem iPad Air 4 ein paar Testfotos in herbstlicher Umgebung geschossen und mit dem iPad mini 5 verglichen, das in etwa die gleiche Kamera hat, wie das iPad Air 3 (Vorgängermodell). Man erkennt, dass das iPad Air 4 schärfere Bilder schießt und die Farben etwas knackiger und natürlicher herauskommen. Im Makrobereich hat allerdings die Optik des iPad mini 5 leicht die Nase vorn.

Ab jetzt in 5 Nanometer: Der A14 Bionic

Erstmals setzt Apple mit dem A14 Bionic einen Prozessor ein, der im 5-Nanometer-Prozess entstanden ist. Offizielle Premiere hat dieser Chip im iPad Air 4. Das iPhone 12 ist allerdings ebenfalls damit ausgerüstet. Beide Apple-Geräte erscheinen in etwa gleichzeitig im Oktober 2020 auf dem Markt.

Was der A14 Bionic in der Theorie kann, haben wir bereits in einem separaten Artikel analysiert. Nun können wir erstmals selber nachmessen:

Die CPU-Leistung im Vergleich zum A12 im iPad mini 5 und iPhone XS ist zwischen 12 Prozent (Linpack) und satten 79 Prozent (Geekbench 5 Multicore-Test) besser. Bei grafiksensitiven Aufgaben sind es immerhin noch 14 Prozent (3DMark). Damit erreicht der A14 Bionic aus dem Stand Desktop-Performance und hängt im Geekbench Single-Core-Test sogar gestandene Intel-Chips ab. Für ein iPad ist das in allen Lebenslagen mehr als genug Leistung und es zeigt, wo Apple mit dem A14 hin will. Ein wie auch immer optimierter A14 in einem Macbook oder iMac dürfte nie dagewesene Rechenleitungen erbringen. Vor allem dann, wenn man sich eine aktive Kühlung dazudenkt, die es ja weder im iPhone 12 noch im iPad Air 4 gibt.

Akkulaufzeit und Ladezeit

Trotz der gesteigerten Rechen- und Grafikleistung bleibt die Akkulaufzeit im Wesentlichen gleich. Im Worst-Case-Test spielen wir ein MP4-Video in einer Endlosschleife ab bei 100 Prozent Bildschirmhelligkeit. Hier geht dem iPad Air nach 5 Stunden und 42 Minuten der Saft aus. Das iPad 7 lief hier nur unwesentlich länger.
Im praxisnahen Surftest rufen wir ständig verschiedene Webseiten auf. Hier läuft das iPad Air 4 10 Stunden und 30 Minuten. Ebenfalls ein sehr guter Wert. Im Alltag bedeutet das letztlich: Einen ganzen Arbeitstag hält das in der Regel durch, was will man mehr?

Fazit

Das iPad Air 4 ist ein deutlicher Schritt nach vorn. Vor allem im Vergleich zum direkten Vorgänger, der gerade einmal etwas mehr als ein Jahr auf dem Buckel hat. Der Abstand zu den Pro-Modellen schrumpft, ist aber durchaus noch spürbar. Wer mit einem neuen Tablet liebäugelt und nicht unbedingt Profi-Ambitionen hat, bekommt mit dem iPad Air 4 genau den richtigen Begleiter, der noch viele Jahre lang Freude bringen wird.

Preise im Apple Store:

  • iPad Air 4

  • Wifi-Modell 64 GB: 632,60 Euro (bei 16 % MwSt.)

  • Wifi-Modell 256 GB: 798,35 Euro (bei 16 % MwSt.)

  • Cellular-Modell 64 GB: 769,10 Euro (bei 16 % MwSt.)

  • Cellular-Modell 256 GB: 934,80 Euro (bei 16 % MwSt.)

Farben:

  • Space-Grau

  • Silber

  • Roségold

  • Grün

  • Sky Blau

(Macwelt)

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