Medienintegration schafft Wissensklüfte

07.06.2000
Das E-Commerce-Zeitalter ist da - frohlocken Marktforscher. Dass dieses aber nicht nur gute Seiten hat, zeigt jetzt eine Studie der Universität in Erfurt.

So rosig ist die vernetzte Zukunft doch nicht, wie einen mancher Anbieter glauben lassen mag. Die Ergebnisse einer von der Universität Erfurt präsentierten Studie über die Zukunft des Internet klingt jedenfalls um einiges nüchterner als viele Studien und Prognosen von Marktforschungsunternehmen.

Kommunikationswissenschaftler der Uni haben gemeinsam mit dem Projektpartner Booz, Allen & Hamilton eine internationale Delphi-Umfrage zum Thema "Der Computer als Medium der Medienintegration" durchgeführt. In der breit angelegten Studie wurden Fragestellungen zu fünf Feldern berücksichtigt, auf denen der Computer-vermittelten Kommunikation besondere Wirkungen nach- beziehungsweise vorausgesagt werden: Information, Unterhaltung und Spiele, virtuelle Beziehungen und Cybersex, Lehren und Lernen, Electronic Commerce und die Arbeitswelt (Teleworking).

Anschließend diskutierten auf einem "International Senior Expert Forum" rund 30 Fachleute aus Europa, Nordamerika sowie Japan die Befragungsergebnisse und entwickelten auf dieser Basis weiterführende Szenarien. Die wichtigsten Ergebnisse der jetzt vorliegenden Studie: Der Prozess der Medienintegration sichert bis zum Jahre 2010 etwa 25 bis 40 Prozent der privaten Haushalte in den entwickelten Industriestaaten einen universellen und regelmäßig genutzten Zugang zu digitalen Medien- und Kommunikationsdiensten. Die Nutzung der Computernetze wird mit Hilfe unterschiedlicher Endgeräte erfolgen. Die bekannten Modi der Mediennutzung (Unterhaltung, Information, Kommunikation) werden in ihren Grundzügen erhalten bleiben; auf der Angebotsseite kommt es zu einer Kommerzialisierung und Segmentierung.

Die direkte Kommunikation (face-to-face) wird ihre sehr hohe soziale Bedeutung behalten, E-Mail wird Teile des Telefon- und Briefverkehrs substituieren, im Übrigen werden Computer-vermittelte Kommunikationsformen als zusätzliche Chance für die Erweiterung des persönlichen sozialen Netzwerkes und die Teilhabe an "virtuellen Gemeinschaften" global genutzt.

Wachsende Wissensklüfte, soziale Ungleichheit und divergierende Medienkompetenzen begleiten zumindest mittelfristig den Prozess der Medienintegration.

Im wissenschaftlichen Publikations- und Bibliothekswesen ermöglicht die Medienintegration einschneidende Veränderungen.

Electronic Commerce ist das Epizentrum der Entwicklung zur "Informationsgesellschaft", wobei einzelne Branchen sehr unterschiedlich betroffen sind. Marketing und Vertrieb sowie die gesamte Wertschöpfungskette unterliegen einem strukturellen Wandel. Wo der Kontakt zwischen Leistungserbringern und Leistungsnutzern übers Netz erfolgt, werden traditionelle Zwischenstufen in Vertrieb und Handel ausgeschaltet. Electronic Banking wird also zu einer Ausdünnung der Filialstruktur der Banken führen, elektronischer Buchvertrieb wird den traditionellen Buchhandel treffen, Electronic Shopping den Einzelhandel schwächen. Kurz- und mittelfristig sind deshalb leicht negative Beschäftigungseffekte zu erwarten (Netto-Arbeitsplatzbilanz).

Alternierende Telearbeit wird primär von geringer qualifizierten Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor geleistet, deren Erwerbsverhältnisse sich hierdurch tiefgreifend wandeln werden.

Allerdings gelten die Prognosen nach Aussage der Erfurter nicht langfristig, der Gang der Dinge sei da nicht überschaubar, so das Ergebnis der Studie. (mf)

www.uni-erfurt.de/kw