Mitarbeiterinnen mit Verantwortung

Wiedereinsteigerinnen bringen neue Kompetenzen mit

Michael Sudahl lebt in Stuttgart und arbeitet in Schorndorf. Der gelernte Banker und Journalist beschäftigt sich seit 20 Jahren mit den Themen Personal, Karriere und IT. Daneben berät er Firmen in internen und externen Kommunikationsfragen, erstellt Kundenmagazine, schreibt Fachartikel und moderiert Prozesse rund um die Felder Unternehmensstrategie, öffentliche Wahrnehmung und Unternehmenskultur. Darüber hinaus hat er eine mehrjährige Ausbildung zum Körpertherapeuten (Cranio) abgeschlossen und ist inzwischen ebenfalls als Coach und Trainer tätig. 
Die Politik wird nicht müde, Unternehmen eine Frauenquote schmackhaft zu machen. Aber neben Vorstandsposten, die mit Frauen besetzt werden können, gibt es in der Wirtschaft noch andere Führungspositionen für Wiedereinsteigerinnen mit ihren speziellen Fähigkeiten.

Trotz der hohen gesellschaftlichen Aufmerksamkeit für das Thema Frauenförderung werden weibliche Mitarbeiter, laut aktuellem HR-Report des Personaldienstleisters Hays, in ihrem Beruf nicht hinreichend unterstützt. 54 Prozent der Unternehmen möchten den Anteil von Frauen in Fach- und Führungspositionen steigern. Wer aus der Elternzeit in den Beruf zurückkehrt, bringt Verantwortung und Organisationsfähigkeit mit.

63 Prozent von 550 befragten Führungskräften sehen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als noch nicht realisiert an.
63 Prozent von 550 befragten Führungskräften sehen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als noch nicht realisiert an.
Foto: Iurii Sokolov - Fotolia.com

Katja Kunze, Mutter zweier Kindergartenkinder, ist seit November zurück im Job. 13 Stunden in der Woche an zwei Tagen arbeitet die 36-Jährige in München. Dann sind die Mädchen jeweils bis 16 Uhr im Kindergarten. An den anderen Tagen ist die Betreuungszeit kürzer. "Meine Töchter bemerken und kommentieren meine Abwesenheit. Das ist nach fünf Jahren Vollzeit-Mutterschaft für uns alle eine Umstellung", sagt die Assetmanagerin, die plant, bald einen dritten Tag in der Woche zu arbeiten.

Die fünfjährige Auszeit hat Kunze auch für eine Coaching-Ausbildung genutzt, die langfristig ein zweites berufliches Standbein für die Mittdreißigerin werden könnte. Beim Roots & Wings Institut hat sie gelernt, menschliche Kommunikation besser zu analysieren und sich selbst zu reflektieren. "Die Kenntnisse helfen mir im Arbeitsalltag. Ich lasse mich seltener auf Streitereien auf der Beziehungsebene ein, wenn wir eigentlich sachlich über ein Thema reden wollten", deckt Kunze einen der Hauptfaktoren für Stress im Büro auf. Mehr Selbstbewusstsein und Gelassenheit hat ihr die Zeit in der Akademie am Starnberger See ebenfalls gebracht.

Wie sie nutzen viele Frauen die Auszeit, den eigenen beruflichen Werdegang zu überdenken. Mit Coachings, Seminaren oder Fachliteratur orientieren sich frische Mütter neu. Denn in dieser Zeit ändern sich die Anforderungen an einen erfüllenden Arbeitsplatz: Etwa der Wunsch, mit Menschen zu arbeiten und sich weniger als ein Rädchen im großen Getriebe zu fühlen. Firmen sollten daher mit Rückkehrerinnen über äußere Rahmenbedingungen sowie Perspektiven sprechen.

Laut Hays-Studie sehen 63 Prozent der 550 befragten Führungskräfte die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als noch nicht realisiert an. Mehr als die Hälfte (56 Prozent) gibt klassische Rollenbilder als hohe Hürde an. Zudem meinen 30 Prozent, dass Führungskräfte nicht hinter einer Frauenförderung stehen. Etwa die Hälfte hält Wiedereinstiegsprogramme nach einer Auszeit für eine geeignete Maßnahme für mehr Frauen auf dem Chefsessel. "Schaut man die Qualifikation und Abschlüsse an, müssten Frauen die besten Karten auf dem Arbeitsmarkt haben, die Realität bildet dies jedoch nicht ab", sagt Hays-Sprecher Frank Schabel. Die Medien seien voll von der Frauenquote, dennoch spiele Gender Diversity in Unternehmen oft eine untergeordnete Rolle.

Das ist bei Andreas Nau nicht so. Der Chef eines Softwareentwicklungsunternehmens für Bildungsmanagement und Personalentwicklung empfindet es als selbstverständlich, dass seine Mitarbeiter Familie und Beruf vereinen. Bei Easysoft arbeiten einige Teilzeitkräfte, Männer und Frauen. Eine aus der Elternzeit in den Beruf zurückkehrende Informatikerin verstärkt seit einem Jahr sein Team für Software-Tests. Bei ihrem vorherigen Arbeitnehmer konnte die Ingenieurin ihren Wunsch, halbtags zu arbeiten, nicht verwirklichen. "Wir freuen uns sehr über den Zuwachs, in doppelter Hinsicht", schmunzelt der 49-Jährige. Die Kollegin erledigt ihre Aufgaben vor allem über Telearbeit. Damit ist sie zeitlich völlig flexibel.
Nur Teambesprechungen und Deadlines muss sie einhalten. Bei Easysoft arbeiten alle Angestellten auf einem Server. Ein Messenger macht kurze Chats möglich und den Status der Kollegen deutlich: "Wir sehen, wer telefoniert, in Besprechung ist oder nicht gestört werden will", erläutert der Firmenchef. Das erleichtert die Kommunikation untereinander und stellt Erreichbarkeit zur richtigen Zeit und an jedem Ort sicher. Eine spezielle Funktion macht es möglich, dem Kollegen aus der Ferne auf den Bildschirm zu schauen. Natürlich nur, wenn dieser es erlaubt. Dann kann man einander Sachverhalte erklären und gleichzeitig optisch verdeutlichen.

"Gerade Mitarbeiter mit Familie bringen Verantwortung und gute organisatorische Fähigkeiten mit", heißt Nau Teilzeitarbeiter willkommen. Außerdem schätzt er die Loyalität seiner Mitarbeiter und möchte diese erhalten. "Am liebsten wäre es mir, wenn das Personal für immer bei uns bleiben würde", sagt der Software-Spezialist. Und dass familienfreundliche Politik auf buchstäblich fruchtbaren Boden fällt, beweisen die Zahlen: Seine 35 Mitarbeiter haben gemeinsam 47 Nachkommen, die drei Geschäftsführer haben zwölf Sprösslinge, Nau selbst zieht vier Kinder groß. (bw)