Anleiten - eine vernachlässigte Führungsaufgabe

08.09.2006
Kraus ist geschäftsführender Gesellschafter der international agierenden Unternehmensberatung Dr. Kraus & Partner, für die über 100 Berater, Trainer und Projektmanager arbeiten. Der diplomierte Wirtschaftsingenieur ist u.a. Autor des "Change Management Handbuch" und zahlreicher Projektmanagement-Bücher. Seit 1994 ist er Lehrbeauftragter an der Universität Karlsruhe, der IAE in Aix-en-Provence und der Technischen Universität Clausthal.
Führungskräfte müssen Coachs ihrer Mitarbeiter sein - das steht heute in fast jedem Führungshandbuch. Was dies bedeutet, bleibt aber oft unklar. Wie das Anleiten der Mitarbeiter funktioniert, erklärt Dr. Georg Kraus.

Führungskräfte müssen Coachs ihrer Mitarbeiter sein - das steht heute in fast jedem Führungshandbuch. Was dies bedeutet, bleibt oft unklar. Dabei heißt "Mitarbeiter coachen" im Firmenalltag weitgehend die "Mitarbeiter anleiten". Diese Führungsaufgabe ist heute eher verpönt.

Bild: photocase.com
Bild: photocase.com
Foto:

Führungskraft Mayer erteilt Mitarbeiter Müller eine neue komplexe Aufgabe - zum Beispiel das Vertriebskonzept für ein neues Produkt zu entwerfen. Oder eine neue IT-Lösung für das Bearbeiten von Kundenanfragen zu entwickeln. Kurz unterhalten sich Mayer und Müller darüber, welche Ziele dabei zu erreichen sind - zum Beispiel in drei Monaten 100 Kunden für das neue Produkt zu finden oder die Bearbeitungszeit für Kundenanfragen um ein Drittel zu reduzieren. Dann kehrt Führungskraft Mayer an ihren Schreibtisch zurück und widmet sich dort anderen Aufgaben. Entspannt! Schließlich hat Mitarbeiter Müller in der Vergangenheit vielfach bewiesen, dass man auf ihn bauen kann.

Wochen oder gar Monate gehen so ins Land. Und immer wieder fragt Führungskraft Mayer Herrn Müller, wenn er ihn im Flur trifft: "Wie läuft's?". Dessen Antwort "Alles ist im grünen Bereich". Oder: "Es geht voran". Also fragt Mayer nicht nach. Er ist überzeugt: Der Müller hat die Sache voll im Griff.

Doch dann naht der Termin, an dem die Aufgabe abgeschlossen und die vereinbarten Ziele erreicht sein sollen. Zunehmend macht sich bei Müller Nervosität breit. Immer häufiger erzählt er von "Schwierigkeiten, die sich ergeben". Und eine Woche, bevor der Job erledigt sein soll, gesteht er Mayer: "Ich schaffe es nicht". Der fällt aus allen Wolken und fragt entsetzt: "Warum haben Sie mich nicht früher informiert? Dann hätten wir gegensteuern können." Dafür ist es nun zu spät.

Zur Startseite