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Kartelluntersuchung gegen Amazon

Freund oder Feind des Handels?

Peter Marwan lotet kontinuierlich aus, welche Chancen neue Technologien in den Bereichen IT-Security, Cloud, Netzwerk und Rechenzentren dem ITK-Channel bieten. Themen rund um Einhaltung von Richtlinien und Gesetzen bei der Nutzung der neuen Angebote durch Reseller oder Kunden greift er ebenfalls gerne auf. Da durch die Entwicklung der vergangenen Jahre lukrative Nischen für europäische Anbieter entstanden sind, die im IT-Channel noch wenig bekannt sind, gilt ihnen ein besonderes Augenmerk.
Der Präsident des Bundeskartellamts will prüfen, ob Amazon auf seiner Plattform andere Händler behindert. Welche Erfahrungen hat der Handel gemacht?

Andreas Mundt, der Präsident des Bundeskartellamtes, will eine Untersuchung gegen Amazon einleiten. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erklärte er, damit solle geprüft werden, ob der Internet-Konzern auf seiner Plattform den Wettbewerb anderer Händler behindert. Mundt hält es möglicherweise für problematisch, dass Amazon gegenüber Endkunden nicht nur selbst als Händler auftritt, sondern mit dem Amazon Marketplace gleichzeitig auch eine wichtige Plattform für andere Einzelhändler anbietet.

Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamtes, sieht bei Hybridplattformen wie Amazon immer auch "ein gewisses Potenzial für eine Wettbewerbsbehinderung."
Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamtes, sieht bei Hybridplattformen wie Amazon immer auch "ein gewisses Potenzial für eine Wettbewerbsbehinderung."
Foto: Jeramey Lende - shutterstock.com

Bei solchen Hybridplattformen bestehe immer auch "ein gewisses Potenzial für eine Wettbewerbsbehinderung der anderen Händler auf der Plattform", so der Behördenleiter. Das Kartellamt will dem Sachverhalt nachgehen, weil ihm dazu Beschwerden vorliegen. Wie und was geprüft werden soll, ist dagegen noch nicht ganz klar.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich das Bundeskartellamt mit dem Geschäftsgebaren von Amazon gegenüber seinen Marketplace-Händlern beschäftigt. 2010 hatte das Landgericht München in der sogenannten Preisparitäts-Klausel von Amazon eine gemäß § 1 GWB (Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkung) unzulässige, wettbewerbsbeschränkende Meistbegünstigungs-Klausel gesehen. Den Stein ins Rollen gebracht hatte damals der Buchhändler Mediantis AG mit einer einstweiligen Verfügung.

Frühere Kartelluntersuchung gegen Amazon

Unklar war, ob und in welchem Umfang Amazon Händler tatsächlich sanktioniert, wenn sie gegen die Klausel verstoßen, die ihnen vorschrieb, im Marketplace Waren nicht teurer zu verkaufen, als in "anderen nicht an Ladengeschäften gebundenen Vertriebskanälen". Viele Händler ließen es daher auf einen Versuch ankommen und ignorierten die Vorschriften von Amazon. Dennoch schritt schließlich das Bundeskartellamt ein und prüfte, ob die Klausel möglicherweise gegen das allgemeine Kartellverbot verstößt.

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Eine Entscheidung wollte Amazon damals nicht abwarten. Der Konzern lenkte vor Abschluss der Untersuchung ein. Nachdem die rechtlich verbindliche Streichung der "Preisparität" aus den Geschäftsbedingungen dem Bundeskartellamt durch auf dem Amazon-Marketplace aktiven Händlern bestätigt wurde, stellte die Behörde ihre Untersuchung im November 2013 ein.

Gespaltenes Verhältnis des Handels zu Amazon

Dennoch blieb das Verhältnis des Handels zu Amazon gespalten. Manche sehen die Plattform als unverzichtbaren Teil ihres Geschäfts, als Wachstumsmotor, als Fulfillment-Experten und Weg zu neuen Kundengruppen. Andere fürchten, dass Amazon sie nur so lange in ihrer Nische leben lässt, wie diese klein genug ist und sie daraus aggressiv verdrängt werden, wenn Amazon das Geschäft für sich selbst als lukrativ genug erachtet.

Da der Konzern als Betreiber der Plattform alle erforderlichen Informationen über das Kundenverhalten besitzt, wäre es ihm ein leichtes, mit gezielten Aktionen das Geschäft des ehemaligen Partners zu sabotieren. Beispiele dafür hört man in der E-Commerce-Szene immer wieder. Ob sie wahr sind oder gescheiterte Shop-Betreiber lediglich nach einem Sündenbock für ihren Misserfolg suchen, ist im Einzelfall kaum zu entscheiden.

"Man muss immer aufmerksam bleiben, dass man die richtigen Produkte zum richtigen Preis anbietet und noch immer genug Marge erzielt", erklärte Gravis-Geschäftsführer Jan Sperlich im Interview mit ChannelPartner.
"Man muss immer aufmerksam bleiben, dass man die richtigen Produkte zum richtigen Preis anbietet und noch immer genug Marge erzielt", erklärte Gravis-Geschäftsführer Jan Sperlich im Interview mit ChannelPartner.
Foto: Gravis

Auch offizielle Aussagen wichtiger Akteure ergeben nicht auf Anhieb ein klares Bild. Gravis-Geschäftsführer Jan Sperlich erklärte etwa im Juli 2018 im Interview mit ChannelPartner: "Mit Ebay haben wir eine sehr gute Partnerschaft. Das Angebot dort funktioniert sehr gut und für Ebay sind wir ein zuverlässiger Lieferant, um den Kunden dort auch Apple-Produkte anbieten zu können. Amazon ist eine größere Herausforderung." Schwierig sei Amazon vor allem wegen der enormen Dynamik. "Man muss immer aufmerksam bleiben, dass man die richtigen Produkte zum richtigen Preis anbietet und noch immer genug Marge erzielt", so der Gravis-Chef. Dennoch mache ihm persönlich "die Zusammenarbeit mit Amazon aber sehr viel Spaß."

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Weniger lustig finden die Zusammenarbeit mit Amazon dagegen zahlreiche Distributoren. Sie warfen dem Handelskonzern Ende 2017 öffentlich vor, bei ihm würden Teile ihrer Lieferungen systematisch unterschlagen. Darüber, ob das ein echtes Problem ist und wenn ja, wie es sich möglicherweise lösen lässt, wird jetzt wieder hinter geschlossenen Türen verhandelt.

Händler müssen radikal umdenken

Eva Stüber, Mitglied der Geschäftsleitung am IFH Köln, hat in ihren Studien ein anderes Problem des Handels mit Amazon aufgedeckt. "Gerade in den zurückliegenden fünf Jahren hat sich Amazon nachhaltig und umfassend im Relevant Set der Konsumenten verankert - und zwar so stark, dass der Weg zum Kunden für andere Anbieter regelrecht abgeschnitten wird. Eine Neukundengewinnung scheint so nahezu unmöglich. "Nach Ansicht von Stüber müssen Händler "radikal umdenken und ihr Geschäftsmodell auf den Prüfstand stellen, wenn sie in einer amazonisierten Welt des Konsums Bestand haben wollen."

Hansjürgen Heinick, Consultant am IFH Köln, fügte hinzu: "Amazon hat praktisch in allen Branchen bei einem beachtlichen Teil der Online-Umsätze seine Finger im Spiel - direkt oder indirekt. Wir gehen davon aus, dass sich diese Entwicklung weiter fortsetzen wird." Das starke Marktplatzwachstum beschleunige diese Entwicklung möglicherweise noch.

Groß genug, um zu scheitern?

Endlos könne diese Entwicklung aber nicht weitergehen, deutete Ende Juli der Zukunftsforscher Matthias Horx in einem Interview mit Berlin Valley an. "Amazon wird irgendwann Kartellklagen bekommen", prognostizierte der Zukunftsforscher. Dass "irgendwann" so schnell kommen würde, hat aber wohl auch er nicht gedacht.

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Insgesamt sagte er in dem Interview den Riesenfirmen, zu denen auch Amazon zu zählen ist, in den nächsten Jahren "gewaltige Krisen" voraus. Matthias Horx geht davon aus, dass sie sich "von innen her wieder zerspalten. Solche großen Konglomerate können Sie in Wirklichkeit gar nicht mehr steuern. Die unterliegen ab einem gewissen Punkt chaotischen Gesetzen. Und auf der einen Seite gibt es eine Tendenz zur Regulation und zeitgleich bemerkt man auch, dass sie innerlich stottern."

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